Architektur Trend: Das Tiny House Movement

 

Any intelligent fool can make things bigger, more complex, and more violent. It takes a touch of genius – and a lot of courage – to move in the opposite direction.                              Ernst Friedrich Schumacher

 

 

 

Average Tiny House Size
Größenvergleich: Tiny House vs. herkömmliches US-amerikanisches Haus
Quelle: www.smallbeautifulmovie.com

Tiny House: Was ist das?

In den letzten Jahren erfreut sich die Tiny House Bewegung (auch Small House Movement genannt, englisch Bewegung für winzige Häuser immer mehr Aufmerksamkeit. In zahlreichen TV Shows und Büchern wird dieser Trend thematisiert.

Es handelt sich dabei um eine soziale Bewegung, die zunächst in den USA entstand. Die Bewegung propagiert das Leben in kleinen Häusern und dem Minimalismus als Lebensphilosophie. 
Grundsätzlich kann man bei den kleinen Häusern zwischen zwei Haustypen unterscheiden:

  • Tiny House (Mikro- oder Minihaus) zwischen 15 und 45 m²
  • Small House (Kleinhaus) mit bis zu 90 m² Wohnfläche 



Aber woher kommt die Bewegung Tiny oder Mini-Haus und warum wollen Menschen plötzlich auf so engem Raum leben?

Der Ursprung der Bewegung wird der Architektin Sarah Susanka zugeschrieben, die das Buch The Not So Big House – A Blueprint For the Way We Really Live  (1997) veröffentlichte. Besonders seit der Finanz- und Immobilienkrise ab 2007 erfährt diese Bewegung rasanten Zulauf. Kernidee ist, dass man nicht zwangsläufig in einer großen Immobilie leben muss um sich in seinem Zuhause wohl zu fühlen. Das Minihaus ist natürlich nicht unbedingt für jede Lebenssituation perfekt geeignet. Besonders Personen, die allein stehend sind, aber auch Paare wünschen sich ein Minihaus. 
Diese Einstellung und Philosophie spiegelt sich in der gebauten und geplanten Architektur wider und fordert Kreativität und Einfallsreichtum von den Architekten. Denn das Tiny Home soll auf einer 50 bis 100 Quadratmeter großen Wohnfläche alles bieten, was man braucht. Der Raum muss daher platzsparend und durchdacht genutzt werden, die notwendigen Räume müssen mittels multifunktionaler Möbel für verschiedene Funktionen genutzt werden können. Gleichzeitig schafft das Minihaus eine bezahlbare Möglichkeit für den lange ersehnten Umzug von der Mietwohnung in ein Eigenheim.1


Tiny Houses sind sowohl als

  • permanente Behausung mit Fundament
  • als auch mobil als Anhänger eines Fahrzeuges denkbar.


Weiter kann man Tiny Houses auf Container-Basis und Holz-Tiny-Houses unterscheiden.

 


 

Entstehung der Tiny House Bewegung

Obwohl demographisch gesehen die durchschnittliche Anzahl der Haushaltsmitglieder in vielen Industrienationen fiel, nahm in einigen dieser Länder die tatsächliche Größe der neu errichteten Einfamilienhäuser dennoch zu. In den USA stieg die durchschnittliche Wohnfläche von Einfamilienhäusern von 165 m² im Jahre 1978 auf 230,3 m² im Jahre 2007.2

Gründe hierfür waren:

  • der zunehmende materielle Wohlstand, also auch der Platzbedarf für neue Konsumgüter,
  • sowie Image- und Prestigegründe. Ähnlich wie ein neues Auto bzw. ein sehr hochwertiges Fahrzeug, kann auch ein Eigenheim als Statussymbol oder als Ausdruck des persönlichen Erfolges und Standes herangezogen werden. 

Seit ca. 2007 erfährt aber die Gegenbewegung - das Tiny House Movement immer mehr Zulauf. Da stellt sich die Frage, warum liegt das Tiny House ausgerechnet jetzt im Trend? Erklärt werden kann diese Entwicklung mit der Unzufriedenheit verbunden mit den immer größer werdenden Haushalten und den damit einhergehenden steigenden Kosten speziell seit der Finanzkrise ab 2007. Tiny Homes bieten eine umsetzbare und preisgünstige Alternative zum lebenslänglichen Abzahlen von Krediten und Hypotheken.

  

 

Warum entscheiden sich Menschen für Tiny Houses?

  • Small bzw. Tiny Houses verursachen deutlich geringe Bau- sowie laufende Kosten. Hypotheken und Krediten müssen eventuell nicht aufgenommen werden.
  • Die Bewegung kann als ideelle Gegenbewegung zum steigenden Konsum und dem Motto "Bigger is better" interpretiert werden, ohne dass aber jeder gleich in einem Tiny Home lebt: Denn neben Tiny Houses (15 - 45 m2) gibt es auch noch die weniger radikalen Small Houses ( bis zu 90 m2 ), die für immer mehr Menschen attraktiv werden. 
  • Auch das Wohnen im Einklang mit der Natur und der Umwelt hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Auch dies ist ein Grund weshalb sich immer mehr Menschen für kleinere Häuser interessieren. Sie wollen selbst möglichst wenig Raum beanspruchen und die Umwelt möglichst wenig belasten. Bei einer reduzierten Fläche, verringert sich beispielsweise auch die zu beheizende Fläche. 
  • Nicht zuletzt ist auch das Thema persönliche Freiheit sehr wichtig für die Anhänger der Bewegung. Dies meint sowohl die Freiheit sich mittels mobiler Behausung frei für einen neuen Wohnort zu entscheiden, als auch frei von Hypotheken und finanziellen Verpflichtungen, die mit dem Kauf eines konventionellen Hausen oft einhergehen, leben zu können. Des Weiteren wird der Besitz vieler Dinge eher als Ballast verstanden. Sich von diesen Dingen frei zu machen, unterstützt die individuelle Freiheit und Unabhängigkeit. 



Have nothing in your houses that you do not know to be useful or believe to be beautiful.                                                                                                                                                                                               William Morris

Es handelt sich somit nicht nur um eine Bewegung, die rein aus einer wirtschaftlicher Not und der Finanz- bzw. der Immobilienkrise heraus geboren ist. Die Vertreter der Bewegung und die Bewohner der Tiny Houses, wollen sich oft sehr klar gegen Konsum und für ein Downsizing positionieren. Es geht nicht um Verzicht, sondern um die Idee sich nur mit notwendigen Dingen zu umgeben. 

Viel mehr verstehen sich die Menschen, die in Tiny Houses leben wollen als eine soziale Bewegung, die den Themen Umweltbewusstsein, gemeinschaftlichen Zusammenhalt und Individualität Gewicht geben. Das Tiny House Movement wird oft mit Downsizing bzw. dem Thema Gesundschrumpfen verbunden. Während der Ursprung eventuell zunächst vornehmlich in einer Kostenreduktion gesehen werden kann, haben sich mittlerweile die Entscheidungsgründe in Ländern wie den USA, aber auch in Deutschland vornehmlich in Richtung  nachhaltiges Wohnen und Leben entwickelt. Auch einkommensstärkere Bevölkerungsschichten nutzen vermehrt Tiny Houses als Gäste- oder als Wochenendhaus. Ebenso entdecken immer mehr Unternehmen Tiny Houses als Geschäfts- oder Messebüros.

Gemeinsam haben alle Tiny Home-Konzepte in der Regel: 

  • Betonung des effizienten, ausgeklügelten Designs
  • multi-funktionale Möbel und Räume
  • vertikale Platzoptimierung
  • hochwertige Holzbauweise
  • Nutzen des Raumes wird erhöht ohne unbedingt auf Komfort zu verzichten



Seelenkiste
Quelle: allergutendinge

Seelenkiste 

Das Projekt Seelenkiste der drei deutschen Architekten Matthias Prüger, Manuel Rauwolf und Ulrike Wetzel von allergutendinge ist ein kleines Haus bzw. eine kleine Kiste, die für die folgenden einfachen Dinge Platz bietet:

  • Schlafen
  • Sitzen
  • Nachdenken

Es ist ein Beitrag aus Deutschland zum internationalen tiny house movement. Die Idee dahinter lautet Reduktion: Das spart Kosten und vor allem Ressourcen. Die Seelenkiste ist aus Holz gebaut und kann vor Ort einfach zusammengebaut werden kann. Unten gibt es eine kleine Küche, im mittleren Stockwerk ein Bett und oben einen Arbeits- bzw. Aussichtsplatz, von dem man die Umgebung beobachten kann. Die Seelenkiste soll ein Rückzugsort sein, in dem man die Seele baumeln lassen kann. 




Das Tiny House am Beispiel VITRA Diogene

Auch der deutsche Möbelhersteller VITRA aus Weil am Rhein hat zusammen mit dem bekannten Architekten Renzo Piano ein Minihaus geschaffen - die VITRA Diogene. DAs durchdachte Haus ist nur sieben Quadratmeter groß und beherbergt dennoch alles was man zum Leben braucht. 

Das Minihaus-Projekt wurde nach dem griechischen antiken Philosophen Diogenes von Sinope benannt, der in einer Tonne lebte, da er jeden weltlichen Luxus für überflüssig hielt.2 Durch eine äußerst durchdachte Anordnung der Wohnfunktionen und einer damit einhergehenden Platzoptimierung, werden alle zum Leben wichtigen Wohnbereiche auf kleinstem Raum vereint. Die Vitra Diogene ist 3,2 m hoch und wiegt ca. 1,2 Tonnen. Das Tiny House hat nur eine Ebene auf einer 2,40 m x 2,96 m großen Grundfläche.
Auf der Fläche wird das Wohnzimmer, die Küche und das Bad untergebracht: Der vordere Teil ist mit einer Schlafcouch und einem ausklappbaren Schreibtisch ausgestattet. Im hinteren Teil befindet sich, abgetrennt durch eine Wand, das WC mit Dusche und gegenüber davon ist die Küche. Zwei unterschiedlich große Fenster auf der einen Seite und ein drittes im Dach auf der gegenüberliegenden Seite, sorgen für viel natürliches Licht im kleinen Wohnraum.

Auf dem Satteldach befinden sich zwei Photovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtfläche von ca. 3,40 m². Das Minihaus ist zudem mit einer strombetriebenen Komposttoilette ausgestattet, die ohne Wasser funktioniert. 

 

Es ist göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.             Diogenes von Sinope

 

 Text: Martina List, Dipl. Kulturwirtin

Dass das Thema Tiny House Trend ist und längst auch bei uns in Deutschland angekommen ist, belegen die zahlreichen TV Shows, Dokumentationen und die umfangreiche verfügbare Literatur. Sender wie SIXX strahlen TV-Shows zum Thema Tiny Houses - Wohntraum XXS aus und Tchibo vertreibt auf seiner Website Tiny Houses. Auch auf der Online-Präsenz des Spiegel, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Welt findet man unzählige Artikel zum Thema Tiny Houses.