Foto: www.raum-welten.com
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Raumwelten 2020 2.0 – Please Install New Spacial System Now


In der vorletzten Woche fand das Herzstück des Raumwelten Programmes statt: Der fachliche Kongress, aufgeteilt in fünf thematisch sortierte Panels verschiedener Vorträge sowie die Opening Lecture mit Daan Roosegarde und die Special Lecture mit Mitchell Joachim und Fabienne Hoelzel.

Doch dank des digitalen Formates hatten wir in diesem Jahr länger etwas von Raumwelten: In der Mediathek waren noch bis zum 29.11.2020 die Vorträge der Konferenz abrufbar, zusammen mit einer Reihe von Filmen und Dokumentationen zum Thema Architektur.

 

Alles neu – alles anders?

Dass Raumwelten dieses Jahr, wie so viele Veranstaltungen, in ein komplett digitales Format wechseln musste, war den bekannten Gründen geschuldet, sollte aber der Wirkung des Kongresses keinen Abbruch tun. Dank eines tollen technischen Teams und einer professionell entspannten Moderatorin Anja Lange konnten sich die Konferenzteilnehmer ganz auf die fachlichen Beiträge fokussieren.

 

Die Panels bauten sich dabei in gewohnter Weise und konstanter Qualität der letzten Jahre aus Beiträgen verschiedenster Bereiche und in wechselnder Intensität auf. Ein positives Merkmal der Edition 2020 war die Vielfalt der Fachbereiche und Arbeitsfelder der Präsentierenden. Kam die klassische Architektur und Innenarchitektur vielleicht teilweise etwas kurz, so war das Gesamtprogramm aber dadurch sehr abwechslungsreich und bot Einblicke in die verschiedensten Spielarten der Szenografie sowie verwandte oder kooperierende Betätigungsfelder.

 

 


1:1 Concert
Foto: Astis Krause, Strausberg, www.astiskrause.de

Die Highlights 2020

Die Höhepunkte einer Veranstaltung sind immer eine sehr subjektive Einschätzung und gerade bei der diesjährigen Diversität der Vortragsthemen dürften sie bei jedem Betrachter sehr unterschiedlich gewesen sein.

Das Programm begann am Mittwoch Abend direkt mit einem hervorragenden Beitrag von Daan Roosegarde, der auf sympathische und bodenständige Weise die ästhetisch ansprechenden und zukunftsweisenden Projekte seines Studios zu den Themen Licht, Windkraft, Smogreduzierung und Reinigung des Weltraumes zeigte.

Bei den Panels der folgenden Tage war der Vortrag von Hubert Lepka (Künstlerischer Leiter des Künstlernetzwerkes Lawine Torrèn, Salzburg/Österreich) sehr beeindruckend, der mit starken Bildern die Möglichkeiten und Wirkungsweisen von Theater in der freien Natur illustrierte. Eine andere Naturerfahrung vermittelte der Beitrag von Domenico Bergamin (ehem. Steiner Sarnen Schweiz), der uns effekt- und teilweise auch humorvolle künstlerische Installationen für den Alpentourismus zeigte.

Auf eher stille, konzeptuelle Weise interessant war der Beitrag von Franziska Ritter (Im/material Theatre Spaces, Berlin) zum Konzept des „1:1 Concert“, bei dem an den unterschiedlichsten Orten und oft mit den vorhandenen Mitteln ganz besondere, kleine Räume gebildet werden in denen ein Musiker für genau einen Gast ein ganz persönliches Konzert spielt.

Spannend und abwechslungsreich waren die studentischen Beiträge, wie die Ausstellung  „Dora war nicht im Widerstand“ von Sophia und Jan Firgau, welche sich anhand von Tagebucheinträgen sehr mitreißend mit der Geschichte einer durchschnittlichen Mitläuferin zur NS-Zeit befasst und damit eine Lücke der üblichen Ausstellungen über diese Epoche schließt oder die eindrucksvollen, gezeichneten Studien von Caroline Tao Niang Liem (Filmakademie Baden-Württemberg, Ludwigsburg), die sich intensiv mit Dystopien und deren architektonischer Konsequenzen beschäftigt hat.

Einen ausgesprochen informativen und zukunftsrelevanten Beitrag zur Konferenz leistete Prof. Dirk Hebel (Professor für Nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technologie), der die Möglichkeiten von verantwortungsvollen und ressourcenschonenden Bauweisen durch Sortenreinheit, Recycling und Wiederverwendung anhand realisierter Beispiele erläuterte.

Unter dem Motto „Bauen für eine bessere Welt“ trafen in der Special Lecture zwei ganz unterschiedliche Ansätze zur Lösung der Menschheitsprobleme aufeinander: Während bei Mitchell Joachim (Terreform One, New York) bestehende Forschungserkenntnisse in futuristisch anmutende biotechnische Bauwerke umgewandelt wurden, die neben ihrer Ästhetik auch zum Schutz des Klimas oder dem Erhalt der Arten beitragen können, war der Beitrag von Fabienne Hoelzel (FABULOUS URBAN, Zürich/Lagos) ganz aktuell, in dem es um grundlegende, akute Probleme ging, die durch die schnell wachsenden urbanen Strukturen in Afrika entstehen. Beispielsweise zeigte Sie die Entwicklung eines Toilettensystems, das mit Hilfe der Menschen vor Ort konstruiert und gebaut werden kann und zu einer deutlichen Verbesserung der hygienischen Bedingungen in diesen Bereichen beiträgt.

 

Schlussendlich passend zum Thema der Raumwelten 2020 2.0 wurde eine ganze Reihe digitaler Plattformen, Vernetzungsprojekte, Apps und virtueller Visualisierungsmethoden vorgestellt sowie spannende Realisierungen von technisch unterstützten Inszenierungen gezeigt. 

 

 

 

 

 

 

Und fürs nächste Jahr?

Bei Raumwelten blickt man auf eine erfolgreiche Veranstaltung zurück – was gerade im neuen Format sehr erfreulich ist. Trotzdem geben auch die Kuratoren zu, dass sie sich im nächsten Jahr wieder über ein Konferenzprogramm in der realen Welt mit echten Teilnehmern vor Ort freuen würden.

Was uns als Erkenntnis aus diesem Jahr bleibt, ist, dass die digitale Konferenz durchaus ihre Vorteile hat. Die Möglichkeit, während der Vorträge bequem zuhause zu sitzen oder auch verpasste Inhalte in der Mediathek nachträglich anzusehen, der Zeitersparnis bei der Anreise und die generell flexiblere Teilnahme durch das Nachholen verpasster oder paralleler Veranstaltungen sind sicherlich Aspekte, die für einen Erhalt des Formates sprechen.

Was allerdings den Anteil des Networking, die Workshops in Kleingruppen und das Event-Erlebnis angeht, wünscht man sich doch in die reale Welt zurück. Zoom-Konferenzen und Chatrooms können ein echtes menschliches Miteinander meines Erachtens noch nicht vollumfänglich ersetzen. Daher freue ich mich, wenn im nächsten Jahr das Live-Erlebnis wieder im Vordergrund steht, bei dem die Erinnerungen an die Vorträge zusammen mit allen Sinneseindrücken der Veranstaltung viel nachhaltiger im Gedächtnis bleiben.

Ein hybrides Format, bei dem eine Mediathek das Live-Event ergänzt, wäre sicherlich dauerhaft anzustreben. Denn gerade die Abfrage der Vorträge „on demand“ erschließt neue Zielgruppen, welche sonst beispielsweise aus Zeitgründen nicht zum Live-Event fahren können. So kann jeder in freier Zeiteinteilung in den Genuss aller Vorträge kommen – auch jene, die aus den verschiedensten Gründen besonders eingespannt sind. 


Text: Victoria Alexander, Innenarchitektin B.A.

Mehr Infos unter www.raum-welten.com.