In seiner einzigartigen medialen Rauminstallation „Sommer Vierzehn. Die Geburt des Schreckens der Moderne“ mit Panoramaprojektion zeigt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände vom 29. Juni bis 11. November 2014 mit dem Blick von heute die Ereignisse des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren, erzählt aber auch die Kontinuitäten des „Schreckens der Moderne“. 

 

Der Kontrast zu der im Rohbau verbliebenen Halle des NS-Baus könnte größer nicht sein: vor den groben Ziegelmauern Liegestühle in weißem Sand, ein paar Strandkörbe, ein hölzerner Laufsteg und der Blick auf ein 37 Meter breites, filmisches Meerespanorama. Schnell vergisst man die 12 Meter über den Köpfen schwebenden Granaten und das 36 Meter lange Rohr einer Fernkanone. Das Szenario soll daran erinnern, dass die zunächst in sommerlicher Unbeschwertheit schnell verhallenden Schüsse von Sarajevo ein risikoreiches diplomatisches Ränkespiel in einem militärisch hochgerüsteten Europa auslösten. 

Am Ende eines vier lange Jahre dauernden, industriell geprägten Krieges war schließlich eine ganze Generation von diesen Erfahrungen gezeichnet. Ein Teil wollte nicht wahr haben, dass alles umsonst gewesen sein sollte: Rechte und nationale Gruppierungen formierten sich zu einer Erbengemeinschaft der Gewalt, die durch das Fronterlebnis geprägt und radikalisiert war. In dem durch die Nazi-Führungsclique, die fast sämtlich aus Männern mit den Gewalterfahrungen des Krieges bestand, ausgelösten Zweiten Weltkrieg erfuhr das Schreckenspotential per se dann mit dem industriell organisierten Völkermord in den Gaskammern und den Atomschlägen auf Hiroshima und Nagasaki eine bis dahin unvorstellbare Weiterung. 

Heute leben weite Teile Europas seit fast 70 Jahren in Frieden. Gegenwärtig sind die aus Kriegsgebieten in den Medien übertragenen Bilder für die Bevölkerungen anderer Staaten nicht unbedingt Vorboten eines Unwetters unbekannter Ausmaße, sondern allenfalls Wetterleuchten am Rand des globalen Dorfs. Doch die Rauminstallation „Sommer Vierzehn“ ist letztendlich zeitlos: Noch immer ruhen atomare Todesboten in den Raketensilos, und niemand weiß, ob und was möglicherweise einmal ihre Öffnung auslösen wird. Die Menschen haben es in ihrer Hand – sie hatten es auch 1914.

Die Projektion 

Auf einer 37 Meter breiten und 7 Meter hohen Leinwand zeigt die Projektion in Full HD mit einer einmaligen Montage aus historischen Filmaufnahmen, Neudrehs an internationalen Schauplätzen, historischem Bildmaterial, Grafiken, Karten und Zitaten den Blick von heute auf die Ereignisse vor hundert Jahren, aber auch die Kontinuitäten des Schreckens nach 1918: über die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg bis heute. Die einzelnen Passagen haben nicht die Aufgabe, die historischen Abläufe chronologisch korrekt zu dokumentieren, sondern sollen das verdeutlichen, was dahinter steht: Vor dem Besucher öffnet sich ein Panoptikum des Schreckens, dem sich Millionen Menschen an Front und Heimat gegenüber sahen. Neben dem Kommentartext gibt es Zitate, die im oder über den Krieg geschrieben wurden. Dabei wird der starke Kontrast zwischen Abertausenden von Toten und dem Individuum aufgebaut. 

Intro 

Eine Meeresstrandaufnahme ruft in Erinnerung, dass der Sommer 1914 ein schöner gewesen sein muss – die zwei Schüsse von Sarajewo und die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers verhallten zunächst schnell. 

Krieg und Gewalt 

Dem aber dann oft patriotisch verklärten Aufbruch der Millionenheere aller Kriegsparteien im Sommer 1914 in ein schon bis Weihnachten 1914 siegreich beendet geglaubtes Abenteuer folgte die rasche Ernüchterung in einem industriell geprägten Krieg des Menschen gegen seine selbsterfundenen Maschinen. U-Boot und Panzer, Trommelfeuer und Giftgas, Maschinengewehr und Flammenwerfer brachten Tod und Zerstörung in bislang unbekannten Dimensionen. Die Anforderungen des totalen Krieges mit der vollständigen Zerstörung von Dörfern und Städten in den Kampfgebieten und nach dem absichtlich umgesetzten Prinzip der „verbrannten Erde“ kosteten nun auch Tausende zivile Opfer. Mit dem Beschuss von Paris mit Fernkanonen über 120 Kilometer erreichte der Terror einen dramatischen Höhepunkt. Nach vier Kriegsjahren gehörte der Sieg noch immer keinem, der Schrecken aber längst allen. 

Die Herrschaft der Gewalt 

Der zweite Teil der Projektion geht der Frage nach, wozu es diese Präsentation gerade an diesem Ort benötigt. Es ist die Frage nach dem Schluss, der aus dem „Schrecken der Moderne“ gezogen wurde. Im Nürnberger Luitpoldhain lag das 1930 eingeweihte Ehrenmal für die fast 10.000 im Großen Krieg gefallenen Nürnberger. Schon zum vierten NSDAP-Parteitag 1929 und dann ab 1933 jährlich versammelten sich hier die Nationalsozialisten zu einem obskuren Totenkult. Ihre Führungsclique war fast durchgehend vom Weltkriegserlebnis und der daraus resultierenden Gewalterfahrung geprägt, die in die junge Republik getragen wurde. Die Opfer des Weltkriegs wurden in positiver Sinnstiftung als Anstoß für einen neuen Opfergang für „Führer“, Volk und Vaterland gewertet. Im Zweiten Weltkrieg erfuhr das Schreckenspotential dann mit dem industriell organisierten Völkermord in den Gaskammern und den Atomschlägen auf Hiroshima und Nagasaki eine bis dahin unvorstellbare Weiterung.

Epilog 

In erschreckender Weise merkt der Besucher, dass es beim „Schrecken der Moderne“ nicht nur um ein abgeschlossenes Ereignis vor hundert Jahren geht. Es geht vielmehr um eine Kontinuität der Ideen, die bis weit vor 1914 zurückreichten und die auch nach 1918 nicht verschwanden. Vielmehr wirken sie bis heute: nationale Übersteigerung, militärisch hochgerüstete Arroganz und vor allem der Irrglaube, Konflikte und Ziele durch Gewalt lösen zu können oder durchsetzen zu wollen. 

„Auf der Straße hört man die Menschen über ihre kleinen Pläne reden. Die Leute sagen oft: ‚Nach dem Krieg werde ich …‘, im selben ruhigen Ton, wie sie sagen: ‚nach dem Duschen werde ich …‘ Sie setzen dieses Welt umstürzende Geschehen mit einer Naturkatastrophe gleich. Sie kommen nicht auf den Gedanken, dass sie selbst es aufhalten könnten, dass seine parasitäre Existenz auf ihrer Zustimmung beruht.“ 

(Michael Corday, französischer Beamter, 45 Jahre, aus: Peter Englund: Schönheit und Schrecken. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs, erzählt in 19 Schicksalen, Rowohlt Berlin) 

Der Raum – Die Inszenierung 

Die 600 Quadratmeter große und 13 Meter hohe Ausstellungshalle des Dokumentationszentrums bildet eine beeindruckende Bühne für die Inszenierung der Projektion. Sie bedrückt mit der Grobschlächtigkeit ihres Rohbauzustandes den Betrachter. Es lag nahe, die entfernte Ähnlichkeit mit einer Fabrikhalle zu nutzen, um an die industriell-militärische Hochrüstung zu erinnern, der sich alle großen europäischen Staaten vor 1914 zur Absicherung ihrer nationalen Interessen befleißigt hatten. 

Die 37 Meter breite und 7 Meter hohe Panoramaleinwand dominiert die Halle. Die Projektionstechnik, vier Projektoren mit einer Helligkeit von je 10.000 Ansi Lumen, erzeugt auf der 260 Quadratmeter großen Fläche die extreme Breitwandprojektion in HD-Qualität und mit nahtlosem Übergang. 

Neben der Panoramaleinwand sieht sich der Besucher zunächst einer Strandlandschaft gegenüber: 50 Tonnen feinster Quarzsand wurden 10 cm hoch in der Halle aufgeschüttet, ein 45 Meter langer Holzsteg lädt zum Flanieren über den Strand, Liegestühle zum Verweilen ein. Ein üppiges Weizenfeld grüßt den Besucher beim Betreten der Halle – wie im Sommer 1914 stehen die Halme hoch, über die sich bald Heereskolonnen wälzen sollten. Der Übergang zum Schlachtfeld mit Schiffswrack und abgestürztem Flugzeug in der Halle ist fließend und Teil der Inszenierung. Ein Geschützrohr – mit 37 Metern Länge in der Dimension der Fernkanone der Firma Krupp, mit der die Deutschen 1918 aus über 120 Kilometer Entfernung Paris beschossen – und 76 Granaten in Originalgröße hängen über den Köpfen der Besucher. Obwohl aus Karton, symbolisieren sie eindrucksvoll die Bedrohung, die über dem unbeschwerten Strandszenario schwebt – damals und heute. 

Auch Licht und Ton sind wichtige Bestandteile der medialen Installation. In Abstimmung auf die Filminhalte werden Gegenstände in der Halle gezielt in Szene gesetzt. Eine Surround-Beschallung ermöglicht genaue Toneffekte.

Erinnerung im digitalen Zeitalter – ein einmaliges Experiment 

„Sommer Vierzehn“ ist der Versuch, Geschichte und Erinnerung gleichermaßen zu erfassen und den Menschen über diese Doppelperspektive emotional zu erreichen: Die Folgen des Ersten Weltkriegs sind bis heute erkennbar, die Fehler der Menschen damals auch heute möglich. Doch es gibt Handlungsspielräume. 

Für dieses ambitionierte Projekt zeigt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände keinen Film im eigentlichen Sinn, sondern erstmals ein Zusammenspiel digitalisierter Erinnerung in Form von historischen Bildern, Zahlen und Fakten, heute gedrehten Bewegtbildern und ebenfalls in der Gegenwart geschriebenen Texten über die Geschichte. Der Zuschauer muss seine Schlüsse selbst ziehen. Vom Eintritt in den Raum bis zum Ende der medialen Installation bleibt er der Gegenwartsvorstellung von der Vergangenheit verhaftet – und doch wird die Vergangenheit auf eine ganz andere emotionale Weise vorstellbar, als dies in einer dokumentarischen Ausstellung möglich gewesen wäre. 

Begleitend zur Rauminszenierung zeigt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände ab Montag, 14. Juli 2014, in der Kleinen Säulenhalle für die didaktisch-pädagogische Begleitarbeit eine Kabinettausstellung zum Thema.

Projektleitung 

Hans-Christian Täubrich 

Rauminszenierung 

Büro Müller-Rieger GbR, München 

Laufzeit 

29. Juni bis 11. November 2014 

Die 30-minütige Inszenierung läuft Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr, jeweils zur vollen Stunde. Gruppen ab 15 Personen werden um Anmeldung gebeten. 


Kontakt: 

Stadt Nürnberg, Museen der Stadt Nürnberg

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Hirschelgasse 9-11 90403 Nürnberg

Telefon: 09 11 / 2 31-54 20 Fax: 09 11 / 2 31-1 49 81

presse-museen(at)stadt.nuernberg.de 


Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Bayernstraße 110 90478 Nürnberg

Telefon: 09 11 / 2 31-56 66 Fax: 09 11 / 2 31-84 10

dokumentationszentrum(at)stadt.nuernberg.de 

www.museen.nuernberg.de 

Fotos: Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Stefan Meyer