Virtual Reality - Ich sehe was, was du nicht siehst

 

Dank des Hypes um Pokémon Go ist seit Juli 2016 plötzlich „Augmented Reality“ in aller Munde. In dem Smartphone-Spiel, das auf Google Maps basiert, verschmelzen Realität und virtuelle Welt miteinander. So kann der Spieler z.B. beim Spazierengehen auf der realen Straße virtuelle Wesen, die Pokémon fangen, trainieren und in virtuelle Kämpfe gegen andere Pokémon schicken. Die Monster verstecken sich, der Spieler muss sie aufstöbern und sieht sie erst, wenn er in ihrer Nähe ist. Dann werden die Figuren auf dem Display des Smartphones in die echte Umgebung eingebettet („Augmented Reality“). Auf diese Weise entstehen große Menschenmengen an Orten mit populären „Pokémon“. Erste Verkehrsunfälle wurden bereits gemeldet und auch der ADAC warnte vor abgelenkten und achtlosen Menschen, da sie sogar während der Autofahrt auf Monsterjagd gehen. Das Handy-Spiel „Pokémon Go“ zog so in den vergangenen Monaten Millionen Nutzer in seinen Bann und macht deutlich, dass der Hype ganz schnell in echte Begeisterung umschlägt, wenn ein Produkt wirklich gut funktioniert.

 

So neu wie uns dieser Trend jedoch erscheint, ist er aber nicht. Bereits in den 80er Jahren wurde die Technologie erforscht. Aufgrund der zu niedrigen Qualität der Displays und des Contents, konnte sich die VR-Technologie jedoch damals nicht auf dem Markt durchsetzen. In der Zwischenzeit hat sich aber viel getan: Marktreife haben bereits einige VR-Modelle erreicht: Oculus Rift machte den Anfang, Samsung präsentierte vor kurzem ein kabelloses Modell, die Gear VR-Brille. Hier genügt ein Samsung Galaxy S7-Smartphone, das um die VR-Brille ergänzt wird um imaginäre Räume entstehen zu lassen.

Und auch die Anwendungsfelder haben sich verändert. Neben der Spiel- und Filmindustrie, die die VR-Technologie federführend entwickelt hat, findet man sie  mittlerweile aber auch in fremden Branchen:

 

 

  • Zum Beispiel im Journalismus sollen zukünftig Geschichten noch lebendiger erzählt werden können. Dabei wird VR als zusätzliches Medium gesehen, das den Leser bzw. Zuschauer tief in das Geschehen zieht. Der Zuschauer fühlt sich als hätte er die Ereignisse miterlebt. Beispiele dafür können etwa Konzertmitschnitte sein, bei denen sich der Betrachter fühlt als wäre er neben den Musikern auf der Bühne oder bei einer Sportveranstaltung direkt am Spielfeldrand. Es handelt sich also um eine Weiterentwicklung des klassischen Fernsehens.
  • Auch die Immobilienbrache erkennt das Potenzial der Technologie. 360°- Rundgänge am PC sind längst normal, durch die VR-Technologie können Miet- oder Kaufinteressenten aber noch überrascht werden. Denn hier können sie Räume nicht wie bei Renderings vor der Fertigstellung der Immobilie lediglich betrachten, sie können sie sogar virtuell begehen und erleben. Das Bewegen innerhalb einer Wohn- oder Gewerbeeinheit ist ebenso möglich, wie das Erfassen kleinster Details bezüglich Materialien und Oberflächen: Prozessoren berechnen dabei ständig den Blickwinkel und zeigen in Echtzeit, was zu sehen wäre, stünde der Kunde in einer bereits fertiggestellten Wohn- oder Gewerbeimmobilie. Mit diesen neuen Technologien ist es auch ein Einfaches, verschiedene Ausstattungslinien oder Grundrissvariationen vorzuführen.

 

 

Doch lohnen sich Techniken wie Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) oder HoloLens auch für Messen, bzw. Messeauftritte und das Marketing?

Auch im Marketing und Vertrieb  – auf Messen und Veranstaltungen – kommt die Virtual Reality-Technologie immer mehr zum Einsatz. Denn die VR-Technologie hat sich in den letzten Jahren maßgeblich weiterentwickelt. Nun wird die Technologie auch für Messeauftritte und den Einsatz am POS interessant. Denn via Virtual Reality können nicht nur Räume, Ereignisse und Immobilien, sondern auch Produkte demonstriert werden.

Virtual-Reality-Projekte sind zwar aufwendig in der Herstellung, aber auch nach Messen weiterverwendbar. So kann die VR-Anwendung nach einem Messeauftritt zum Beispiel per Werbetour durchs Land geschickt werden oder im Einzelhandel eingerichtet werden. 

Bruns konzipiert und baut Lounge Chair für Virtual-Reality-Simulation von Airbus auf der DSEI in London, Foto: Bruns Messe- und Ausstellungsgestaltung GmbH

Für den Auftritt der Airbus Defence and Space auf der DSEI 2015 in London entwickelte die Bruns Messe- und Ausstellungsgestaltung GmbH beispielsweise ein Möbelstück, das die Virtual-Reality-Technologie auf den Messestand holte. Mit einem Head-Mounted Display der Firma Oculus VR, einem Controller und Lautsprechern ausgestattet, waren die Sessel die Eyecatcher auf dem Messestand. Neben dem außergewöhnlichen Sitzerlebnis, sorgten insbesondere die virtuellen Welten, in welche der Standbesucher beim Aufsetzen der Brillen entführt wurde, für Begeisterung.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass ein Messeauftritt heute den Ausstellern viel mehr Kreativität abverlangt als in der Vergangenheit. Einfache Exponate reichen oft nicht mehr aus, denn der Besucher erwartet mehr und will bei einem Messebesuch etwas Außergewöhnliches erleben. Da bietet gerade die VR-Technologie schier unzählige Möglichkeiten um dem Besucher in eine ganz neue Produkt- und Unternehmenswelt zu entführen.

 

Doch welche VR-Anwendungen lohnen sich? Hier finden Sie einen Überblick über die wichtigsten VR-Anwendungen auf Messen. 

1. Virtual Reality als Gruppenerlebnis

 

Der Rüstungs- und Raumfahrtkonzern Lockheed Martin schickte einen umgebauten Schulbus an US-Schulen, um Kinder im Grundschulalter für das Thema Raumfahrt zu begeistern und um so ihre Mitarbeiter von Morgen bereits jetzt für Lockheed Martin zu sensibilisieren. Dabei kamen keine VR-Brillen zum Einsatz, stattdessen dienten die kompletten Busfenster eines umgebauten Schulbusses als Bildschirme. Bei einer Fahrt durch die Stadt, erkundeten die Kinder auf diese Weise aber nicht wie gewohnt verschiedene Stadtviertel, sondern die Marslandschaften. Bei der „Mars Experience“ entsteht so der Eindruck, dass der Bus direkt über die Marsoberfläche fährt. Nach der Aktion wurde der umgebaute Schulbus auch auf Messeauftritten verwendet und war der Anziehungspunkt am Messestand. 

 

 

 

 

2. Ferne Orte und Ziele besuchen und erkunden

Lufthansa hat das Thema VR-bereits im Jahr 2015 erfolgreich auf Messen eingesetzt. Die Besucher konnten auf der ITB in Berlin im virtuellen Sonnenstuhl Platz nehmen, auf den Strand und das Meer blicken und virtuell im Liegestuhl eine Postkarte betrachten. Auch den Flug selbst in der Kabine konnten die Besucher am Messestand erleben, sich umschauen und ihre Sitznachbarn sehen.

 

Noch aktivere Beispiele für virtuelles Erleben sind beispielsweise Themen wie Wanderungen oder Klettern. Das Spiel The Climb bringt den Nutzer an eine virtuelle Felswand. Derartige Spiele und Inhalte können auch für Outdoor-Marken interessant sein um eine emotionale Verbindung mit den Käufern herzustellen.  

Und genau auf diese Art der VR-Erlebnisse setzt die Outdoor-Marke Merell. Merell stellt bei ihrer VR-Anwendung nicht die eigenen Produkte, die Wanderschuhe - in den Vordergrund, sondern die Aktivitäten am Berg und die Emotionen, die damit verbunden sind. Der Anwender unternimmt eine virtuelle Bergwanderung in den Dolomiten, überquert eine morsche Brücke, wird von einem Steinschlag überrascht und kann sich schließlich zum Gipfel kämpfen. Aber auch in der Realität lief der Nutzer als er die VR-Brille trug über einen kleinen Parcours, was das virtuelle erleben noch zusätzlich unterstützt und noch realer macht. Das Gesehene wird so auch körperlich nachvollzogen und emotional miterlebt – ein wichtiger Punkt für eine Marke, die für sportliche Aktivität steht. Das Erleben, der Berg und der Nervenkitzel werden auf die Messe gebracht. 

 

 

 

3. Räume und Produkte planen und konfigurieren 

Auch im direkten Vertrieb findet die VR-Technologie bereits Anwendung. Gerade wenn es um das Thema konfigurieren mit verschiedenen Materialien, Oberflächen und unterschiedlichen Formen geht: Denn VR schafft ein vollkommen neues Einkaufserlebnis.

Durch die VR-Brillen entstehen für den Handel, die Automobilindustrie oder auch die Reisebranche ganz neue Möglichkeiten der Kundenansprache. Der Vorteil für den Kunden: Mit einer VR-Brille können Kunden ihr neues Bad, die Innenausstattung ihres Autos oder ihre neue Küche planen. Ein Badezimmer oder eine Küche kauft man nicht vorgefertigt, sondern wird individuell entwickelt und geplant. Aber nicht jeder Kunde hat die Vorstellungskraft, um sich anhand von Renderings und Visualisierungen für eine angebotene Variante zu entscheiden. Leichter fällt dies über einen virtuellen Spaziergang im neuen Bad oder einer virtuellen Probefahrt im neuen Auto.

Der Badausstatter Richter + Frenzel ließ eine eigene Software entwickeln und verkauft nun ebenfalls mittels Virtual Reality: Die VR-Brille kommt aber erst nach der computergestützten Planung bei einem Beratungstermin zum Einsatz, bei dem bereits alle Details gewählt und Materialien bestimmt wurden. Sobald der Kunde zusammen mit dem Berater sein Bad am Computer geplant hat, kann er im nächsten Schritt das Bad schon einmal virtuell betreten um wirklich sicher zu sein, dass alles nach seinen Wünschen und Vorstellungen sein wird. Dadurch erhält er einen komplett wirklichkeitsgetreuen Eindruck – und das bereits in der Planungsphase. Das Ergebnis ist also individuell auf jeden Kunden abgestimmt, der sich dann in „seinem“ neuen Bad umschauen kann. 

 

 

 

Autohersteller erkennen ebenfalls die Vorzüge von VR und ermöglichen es dem potenziellen Käufer in seinem Auto zu sitzen und es gleichzeitig auf seine Wünsche abzustimmen. Oberflächen und Materialien können geändert werden während der Interessent sich so fühlt, als würde er bereits in seinem neuen Auto sitzen. Mit einer VR-Brille können Kunden sich die unterschiedlichen Varianten, Formen und Farben in 360° schon während der Planung ansehen. Der Vorteil für den Händler: Im virtuellen Raum hat der Händler alle Muster, Materialien und Farbvariationen auf Lager. Denn nicht jeder Autohändler hat die räumlichen Möglichkeiten um alle Modelle in jedweder Konfiguration ausstellen zu können. Daher setzt AUDI auf einen virtuellen Showroom in den zentralen Flagship Stores und zeigt den Kunden auf geringerer Fläche sein Wunschfahrzeug in jeder nur vorstellbaren Konfiguration.

Auch Volvo hat den Trend VR erkannt und nutzt es bereits im Marketing. Der schwedische Autohersteller promotet sein Modell XC90 mit einer simulierten virtuellen Testfahrt auf der VR Brille Google Cardboard. Dazu müssen sich Nutzer zunächst die speziell dafür entwickelte App „Volvo Reality“ auf ihr Smartphone laden. In Verbindung mit dem Google Cardboard entführt Volvo Interessenten dann in eine virtuelle Testfahrt im XC90.

 

 

 

4. Große Maschinen und kleine Details zeigen

Insbesondere für Aussteller, die sehr große Maschinen und Exponate vorstellen wollen, kann die VR-Technologie interessant sein. Beispielsweise können Maschinenbau-Unternehmen diese Technologie verstärkt bei Produktpräsentationen einsetzen, weil auf diese Weise große Maschine nicht mehr zu Messen um die halbe Welt verschifft werden müssen.

So zeigten beispielsweise auf der Weltleitmesse für Baumaschinen, Baustoffmaschinen, Bergbaumaschinen, Baufahrzeuge und Baugeräte – der Bauma 2016 in München eine Vielzahl der Aussteller innovative Einsatz- und Anwendungsmöglichkeiten von 360-Grad-Video und Virtual-Reality Anwendungen:

Caterpillar scheute bezüglich der 360-Grad-Video Präsentation auf der Baumaschinen-Messe in München keine Kosten und Mühen: Eine Station mit mehr als 20 Samsung Gear VR-Brillen stand den Messebesuchern zur Verfügung. Hier wurde den Besuchern von Betreuer die Verwendung des Virtual-Reality Headsets individuell erklärt. Einen Eindruck vom Geschehen und auch dem Erfolg am Messestand vermittelt das Video, das Caterpillar am Stand drehen ließ. Nach dem eindrucksvollen Erlebnis gab es als Geschenk für die Besucher noch ein individuell gebrandetes Cardboard mit auf den Weg.

Doch es gibt gerade im technischen Bereich noch weitere mögliche Anwendungsmöglichkeiten. Neben dem virtuellen Führen einer Baumaschine könnte beispielsweise auch der Flug durch technische Details virtuell erlebt werden. Der Betrachter könnte regelrecht in die Maschine eintauchen und einen Blick ins Innere wagen, etwa auch kleinste Details vergrößern und betrachten. Der Anwender kann Vorgänge sehen, die dem menschlichen Auge sonst verborgen bleiben. So könnten gerade auf Messen den Besuchern spannende neue Einblicke gegeben werden und so ein Mehrwert geschaffen werden.

 

 

 

5. Bewegung und Action als Eyecatcher auf Messen

Virtual Reality-Technologien können auf Messen aber nicht nur genutzt werden, um ein Produkt virtuell zu erklären, sie kann auch als besonderes Highlight eingesetzt werden um Besucher auf den Messestand zu locken In Verbindung mit körperlicher Bewegung und dem Eintauchen in eine andere Welt, sind dem Aussteller Besucherschlangen sicher.Hierfür eignen sich insbesondere interaktive Anwendungen.

Das Münchner Unternehmen Icaros entwickelte beispielsweise die Verbindung von VR, Sport und Computerspiel. Während der Nutzer in der VR-Anwendung wie ein Vogel durch die Luft fliegt, hält er sich an einem Gestell fest, das seinen Körperbewegungen folgt und wodurch er seine Flugrichtung steuert und das fordert seinen vollen Körpereinsatz. Icaros ist wie ein Spiel gestaltet, bei dem der Nutzer einer Flugroute folgen muss und dabei spielerisch seinen ganzen Körper trainiert. Zu den Abnehmern zählen vorrangig B2B-Kunden wie Hersteller von VR-Brillen oder Event-Veranstalter.

 

 

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Projekt Birdly der Firma SOMNIACS. Auch hier hebt der Nutzer virtuell ab und erlebt eine Vogelflug-Erfahrung. Birdly ist ein Forschungsprojekt aus der Schweiz, das seinen Ursprung an der Universität Zürich hat und mit der Firma SOMNIACS auf den Markt gebracht wurde. Birdly funktioniert mit der Oculus Rift. Zum Steuern wird der ganze Körper verwendet. Die Arme dienen dabei als "Flügel". Besonderes echt wird das Erlebnis aber mit Sicherheit durch den vorne montierten Ventilator, der es dem Nutzer ermöglicht während des virtuellen Flugs die Landschaft nicht nur zu sehen, sondern sogar den Fahrtwind im Gesicht und im Haar zu spüren. Man überfliegt eine virtuelle Landschaft, also z.B. New Yorks Wolkenkratzer und kann durch die eigene Körperbewegung die Richtung und Neigung so verändern, dass sich auch die Flugrichtung anpasst. Wie ein Vogel kann der Nutzer in die Häuserschluchten abtauchen, hoch aufsteigen um auf die Häuser hinab zu blicken oder zwischen den Gebäuden hindurchfliegen. 

 

 

 

 

 

Virtual Reality gilt zu Recht als das Zukunftsgeschäft. Denn VR ist mittlerweile viel mehr als ein Tool um Videospiele realer erlebbar zu machen. Viele Themen und Produkte können im Marketing und Vertrieb durch VR neu oder unterhaltsamer vermittelt werden. Und auch wenn der Markt und die Produkte noch immer in der Entwicklung sind, alle großen Technologieunternehmen sind bereits eingestiegen.

Virtual Reality wird aktuell bereits sehr erfolgreich im Bereich Produktpräsentation auf Messen oder am POS sowie in der Neukundengewinnung eingesetzt. Das lässt nur erahnen wie vielfältig die Technologie in Zukunft noch zum Einsatz kommen wird.

 

 

Tipps für Ihre VR-Anwendung:

 

  1. Bringen Sie Ihre Kunden zu schwer zugänglichen Orten – bequem und gefahrlos.
  2. Zeigen Sie Ihren Kunden Vorgänge, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind und mit Ihrem Produkt zu tun haben. Erklären Sie technische Besonderheiten Ihres Produkts. Lassen Sie den Kunden z.B. in die Maschine hinein fliegen.
  3. Überlegen Sie, ob sich die VR-Anwendung mit körperlicher Aktivität verbinden lässt.
  4. Ziehen Sie nicht nur eine VR-Brille in Betracht, sondern auch alternative Raumkonzepte für größere Gruppen.

 

Text: Martina List, Dipl. Kulturwirtin

 

Weiterführende Links: 

Auch die aktuelle Ausgabe #11 von PLOT mit dem Titel "Brauchen Inszenierungen Raum?" beleuchtet Virtual Reality. Lesen Sie hier mehr über das spannende Thema und Anwendungsmöglichkeiten. 

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