Raumwelten, Plattform für Szenografie, Architektur und Medien
Raumwelten 2016, Quelle: www.raum-welten.com

Nachbericht: Raumwelten – Plattform für Szenografie, Architektur und Medien

 

Vom 17.- 19. November 2016 fanden in Ludwigsburg die 5. Raumwelten statt.

Der Raumwelten-Kongress für das Fachpublikum vom 17.-19.11. war in diesem Jahr in ein breit gefächertes Rahmenprogramm eingebettet, das auch die Ludwigsburger Bevölkerung und alle Interessierten einbezog. Besonders für die Kinder hatten sich die Organisatoren im Vorfeld attraktive Aktionen und Workshops überlegt, die die junge Generation an Gestaltung und Raumwahrnehmung heranführen sollten.

 

Die Lichtwolke, die sich seit ihrem ersten Einsatz 2015 zu einer Art Wahrzeichen der Raumwelten entwickelt hat, diente als Dreh- und Angelpunkt der Veranstaltung und bot außerdem in einer kleinen Ausstellung Information zur IBA 2027 in Stuttgart.

Um die Abläufe zu verbessern wurde der Kongress in diesem Jahr neu strukturiert:

Neu war unter anderem, dass der Vortragsblock, kuratiert von Jean-Louis Vidière, am Samstag (19. November) stattfand und kostenfrei für die breite Öffentlichkeit zugänglich war. Dieser Rahmenpunkt fand in lockerer Atmosphäre in der Lichtwolke statt und führte zu einem regen Austausch zwischen Publikum und Referenten. Zusammen mit den Präsentationen von Studierenden rundete dieser Vortrag die Veranstaltung ab.

Passend zum Thema „Let’s go public“, bei dem auch der heute selbstverständlich gewordene Einsatz der digitalen Medien thematisiert wurde, begleiteten fünf Studierende das Event live in einem Internet-Blog, nachzulesen.


 

TAG 1:

 
Panel 1: „New Work Spaces – neue Arbeitswelten“

Das erste Panel befasste sich mit aufgebrochenen Bürostrukturen, die die gängigen organisierten Formen verlassen und hin zu mehr Flexibilität und variabler Nutzung streben. Die gezeigten Bespiele hatten ganz unterschiedliche Schwerpunkte, die weniger vom Gestalter, sondern vor allem von der Unternehmensstruktur und Arbeitsweise der Firmen abhängig waren.

 

Während beim Projekt „Soundcloud“ des Büros Kinzo das Headoffice vor allem einen wohnraumartigen Wohlfühlraum bildete, der in seinen Funktionen verschiedenste Arbeitsplatztypen wie auch Freizeit und Entspannung integriert, musste beim Umbau / Neubau der GETRAG-Zentrale auf traditionelle Firmen-Strukturen und Bedürfnisse Rücksicht genommen werden. Um den Wandel zum modernen Arbeitsplatz im mittelständischen Unternehmen behutsam durchzusetzen, errichtete Architekt Alexander Lenk den neuen Bürokomplex zunächst als temporäre Leichtbaukonstruktion. Der Innenraum erfüllt diverse variable Funktionen, bleibt aber im Vergleich in seiner Gestaltung ein klar erkennbarer Arbeitsplatz. So wurde er auch von der zunächst kritischen Belegschaft sehr positiv angenommen.

Besonders frei in seinen Möglichkeiten wirkte das gezeigte Projekt des neuen Adidas Campus, da hier im großen Stil gänzlich neue Räume und Gebäude geschaffen werden, die genau auf das Unternehmen zugeschnitten werden. Das explizite Thema bei diesem Projekt wurde als „Serendipity“ definiert: Die bewusste Herbeiführung von zufälligen Begegnungen der Mitarbeiter, aus denen Großartiges entstehen kann.

 

Kritisch gegenübergestellt wurde der Unterschied zwischen traditionellen, bodenständigen Firmen mit gewachsenen Strukturen und Mitarbeiterkulturen im Kontrast zu neu gegründeten Jung-Unternehmen mit jugendlich denkender und freiheitsliebender Belegschaft. Außerdem wurden die verschiedenen Bedürfnisse von produzierenden Abteilungen mit „denkenden“ Abteilungen verglichen.

 

Punktlandung 1: Arbeit 4.0: Denkfabrik – Innovation Center 2.0

Die zum Thema passende Punktlandung beschäftigte sich mit dem SAP-Innovationszentrum. Dieses wurde nach neuen Erkenntnissen als flexibles Büro errichtet, das den Mitarbeitern mehr als nur einen Arbeitsplatz bietet. Das Innovationszentrum war als Pilotprojekt des Unternehmens gedacht, um den jungen, neuen Mitarbeitern des Konzerns einen attraktiven Einstieg zu bieten und gleichzeitig für die bisherigen Mitarbeiter ein Testgelände zum Kennenlernen neuer Büroformen zu sein.

Interessant war hierbei die Kooperation der Architektenseite und ihrer Wünsche in Kombination mit den Interessen des Facility Management, das im Unternehmen die Waage halten muss zwischen den Kosten für Arbeitsplätze, der Mitarbeiterzufriedenheit und der Markenattraktivität.

 

 

Panel 2: „Let’s Get Phygital“

Der zweite Block beschäftigte sich mit der Verschmelzung von digitalen Welten mit der Realität, aber auch mit der Aufteilung eines jeden Menschen in sein physisches Selbst, das immer noch mindestens ein parallel existierendes digitales Selbst in Form seines Smartphones oder im abstrakten Raum des Internets mit sich herum trägt.

Ralph Kindel stellte in seinem Vortrag die Essen-App und das Projekt „grüne Hauptstadt Europas“ vor, das mit einem starken Schwerpunkt auf digitale Medien vermarktet werden soll, indem die Bürger selbst durch Posts in den einschlägigen Netzwerken anderen Bürgern „Ihr“ grünes Essen zeigen.
Der Vortrag von Ralf Näring befasste sich mit realisierten Projekten, bei denen Unternehmen die Interessen ihrer Kunden analysieren und zu konkreten, für den Kunden interessanten Angeboten umwandeln können. Dies wurde an Showrooms der Firma 3M gezeigt, die sich in mehreren Stufen und mit unterschiedlichem Ziel weiterentwickelt haben. Stand ursprünglich das Zeigen der Produkte und Kategorien im Vordergrund, bei der die eingesetzten digitalen Medien eher spielerische Funktion hatten, entwickelte sich das letzte Projekt zu einem konkreten Verkaufsmotor, bei dem in drei Schritten von Problem- / Interessenanalyse über das Erforschen von passenden Produkten im letzten Schritt mit dem Kunden zusammen eine Übersicht der möglichen Lösungen erstellt wurde.

 

Punktlandung 2: Mein Hoffi

Das vorgestellte Projekt zeigte die Umwandlung einer Kiez-Filiale der Getränkemarktkette Hoffmann in einen Szene-Kiezladen. Bei der Umgestaltung wurde an liebevolle Details gedacht und der Laden im Ganzen aufgewertet. Zusätzlich dachte sich das Büro dan pearlman zusammen mit dem Betreiber einige neue „Gimmicks“ aus, um den Kunden über den optischen Wandel hinaus etwas Besonderes zu bieten. So gibt es zum Beispiel ausleihbare Liefer-Fahrräder und eine Schnellkühlanlage für Getränke. Trotz der Veränderung von Masse zu Klasse in der Gestaltung, dem abgewandelten Sortiment und dem damit einhergehenden Wandel des Klientels, war dem Betreiber wichtig zu betonen, dass auch in diesem nun eher schick anmutenden Laden, der optisch mit einem klassischen Getränkemarkt wenig gemein hat, die Preise nicht anders gestaltet sind, als in den regulären Filialen.

 

TAG 2:

Panel 3: Pop-Up Spaces – Everybody Goes Pop-Up!

Nach einem anregenden Vorwort von Frau Dr. Petra Kiedaisch, bei dem Sie die politische und gesellschaftliche Verantwortung der Szenografie im öffentlichen Raum betonte, ging die Konferenz in den dritten Block, der mit Spannung erwartet wurde.

Dargestellt wurden von Dr. Jons Messedat, Guido Mamczur und Wulf Kramer verschiedenste Arten des Pop-Ups im öffentlichen Raum. Dabei reichten die Beispiele vom klassischen Pop-Up Store, der eine Marke dem Konsumenten in besonderer Weise präsentieren soll, über Kunstinstallationen, temporäre Hotels und Restaurants bis hin zu temporären Bauten, wie Messeständen, die man im Normallfall weniger mit dem Wort Pop-Up in Verbindung bringen würde. In allen Beispielen zeigte sich ein klarer Trend zum kurzfristigen, oft spektakulären und ständig wandelbaren Erlebnis, das vom Konsumenten heute gewünscht wird und dessen Wirkung sich durch die bereitwillige Verbreitung in sozialen Medien ganz von selbst multipliziert.

Einig waren die Vortragenden sich über die besondere Wirkungsweise des Pop-Ups, das den Betrachter überraschend und an einem unerwarteten Ort mit etwas Neuem konfrontiert, was im besten Fall auch zum Nachdenken anregt. Von Vortragenden und Publikum durchaus auch kritisch gesehen wurde die Frage, inwieweit der Trend zum Pop-Up und der übermäßige Einsatz für Werbezwecke für den Betrachter und den Ort noch einen Mehrwert mitbringt oder schon zu einer Art Übersättigung geführt hat.

 

Punktlandung 3: FC Bayern Erlebniswelt – Ort der Geschichte und Emotionen

Bei dieser letzten Punktlandung konnten die Teilnehmer der Raumwelten anschaulich in die FC Bayern Erlebniswelt eintauchen. Der Vortrag führte nicht nur durch viele Details der Räume, sondern auch durch die Entstehungsgeschichte der Ausstellung, welche die großen Emotionen zwischen Fans und Verein mit viel Nähe zum Besucher erfahrbar machte.

 

Panel 4: New Publicness – Contemporary Public Buildings

Der erste Vortrag in diesem Panel von Max Schwitalla entführte die Kongressteilnehmer in eine abstrakte Zukunftsvision, die sich im Ansatz mit der Verstädterung und steigenden Bevölkerung auseinandersetzte, vor allem aber mit viel Phantasie ein neues Wohnen in einer alternativen Gesellschaftsform zeigte, bei der die individuelle Fortbewegung vollständig automatisiert wird, indem Einzeltransport und öffentlicher Nahverkehr verschwimmen. Das Wohnkonzept dieser Vision beruhte vor allem auf der Reduzierung von Wohnfläche durch gemeinsame Nutzung von „öffentlichen“ Bereichen. Dieser kontroverse Beitrag sorgte für den meisten Diskussionsstoff, was man besonders in der darauffolgenden Pause an den Gesprächen zwischen den Konferenzteilnehmern beobachten konnte.

Der Beitrag von Dan Stubbergaard zeigte mit viel Liebe geschaffene neue Öffentliche und teilöffentliche Bereiche in Kopenhagen. Dabei lag der Fokus immer auf  einer Mischung aus praktischer und gleichzeitig gemütlicher Nutzung in Kombination mit gestalterischem Anspruch. Bibliotheken erweitern ihre Funktion in gemeinschaftliche Wohnzimmer, Kindergärten werden zu kleinen Städten in denen die Bewohner sich frei entfalten können und unansehnliche Bereiche werden durch bauliche Anziehungspunkte wieder belebt.

Hans Schneider zeigte in seinem Beispiel „Metropol Parasol“ anschaulich, wie ein ungenutzter Bereich durch eine zunächst skeptisch betrachtete, aber ästhetische und ausgefallene Neugestaltung zum Herzstück einer Stadt werden kann.

Diskutiert wurde, wie wichtig es ist, ästhetische Architektur auch in Bereiche zu bringen, an denen sie nicht zwingend gebraucht wird, um auch diese lebenswert zu machen. Dabei gehe es nicht darum ausgefallene Architektur als beliebten „Selfie“-Hintergrund zu installieren, sondern der Bevölkerung Bauwerke zu geben, mit denen Sie sich stolz identifiziert und die ihr Leben bereichern. 

 

Special Lecture: Architektur & Szenografie in der Islamischen Welt – Makkah Clock Tower & Astronomiemuseum

Im festlichen und historischen Ambiente des Ludwigsburger Schlosses fand am Freitag Abend die Special Lecture mit Dr. Mahmoud Bodo Rasch und dessen Sohn Achmed Rasch statt. Dr. Mahmoud Bodo Rasch beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Erforschung der Pilgerfahrt und hat eine besondere Verbindung zur Szenographie der Bauwerke und Orte rund um die Kaaba.

Nach einer Einführung in die räumlichen Besonderheiten der Haddsch mit seiner komplexen Bewegungschoreographie der Menschenströme ging es um die Neugestaltung des „Clock Tower“ mit dem Astronomiemuseum. Der Clocktower, der mit einer Höhe von über 600m heute das dritthöchste Gebäude der Welt ist und direkt neben der Al-Haram-Moschee steht, hält neben der größten Uhr der Welt mit circa 40 Metern Durchmesser auch in seinem Inneren noch weitere Superlativen parat. 
Achmed Rasch führte die Besucher durch die spektakuläre Ausstellung und erläuterte einige besondere Exponate, die entweder durch ihre besonders detaillierte Darstellung im großen Maßstab oder über immersive Erlebnisse die Informationen dem Besucher besonders nachhaltig transportieren.

Er betonte auch, wie wichtig möglichst realistische und nicht überzogene dreidimensionale Darstellungen im Vorfeld in der Kommunikation mit den Bauherren sind, um zu zeigen, was möglich ist, aber die Erwartungen später nicht zu enttäuschen.

Ein vom Publikum als wichtig aufgenommenes Statement, war das Bekenntnis zur Gemeinsamkeit und zum Zusammenwirken der Religionen und Kulturen, die nicht nur historisch untrennbar zusammenhängen, sondern gemeinschaftlich wachsen können.

 

Text: Victoria Alexander, Innenarchitektin B.A.

Mehr Infos unter www.raum-welten.com.

Kommentar zum Raumwelten-Kongress:

Interessant und abwechslungsreich war der Wechsel  zwischen fachlichen Vorträgen und Schwerpunktthemen mit den sogenannten „Punktlandungen“, bei denen realisierte Projekte von Gestalter und Kunde gemeinsam präsentiert wurden, was einen vielschichtigen Blick auf das Projekt erlaubte. Wünschenswert wäre ein Einblick von wissenschaftlicher Seite, beispielsweise aus dem Bereich Wahrnehmung oder Konsumentenpsychologie gewesen, der helfen könnte Projekte aus anderer Sichtweise zu betrachten. Auch die klassische Szenografie, die sich mit der räumlichen Erschaffung fiktiver Welten befasst, kam in diesem Jahr etwas zu kurz.

Parallel gab es an beiden Tagen Kurzpräsentationen mit Diskussionsrunden in Kleingruppen. Diese waren unterschiedlich gut besucht, was natürlich zum einen an den Themen, zum anderen aber sicher auch an der zeitlichen Überschneidung mit den Hauptvorträgen gelegen hat. Persönlich fand ich diese zeitliche Anordnung eher unglücklich, da man durch die Teilnahme an den Diskussionsrunden zwangsläufig einen Vortrag - zumindest zum Teil - verpasste.

Auch so mancher Vortrag in den vier Panels der ersten zwei Tage hätte sicherlich für interessante Diskussionen sorgen können, was in der großen Konferenz-Runde allerdings leider nur bedingt möglich war. Damit die Raumwelten noch stärker zu einem interdisziplinären Austausch zwischen den Teilnehmern führt, würde ich mir für das kommende Jahr einen stärkeren Schwerpunkt auf kleinere Diskussionsgruppen wünschen, bei denen beispielsweise die Vortragenden sich mit einigen interessierten Teilnehmern im kleinen Rahmen zu expliziten Themen austauschen können, so dass nicht nur die Frage der Konferenzteilnehmer an den Referenten, sondern auch die Diskussion zwischen den Konferenzteilnehmern stärker gefördert wird.

Fazit: Die Raumwelten sollten sich zukünftig stärker zu einer fachlichen und wissenschaftlich basierten Plattform des interdisziplinären Austausches entwickeln und dürfen nicht zu einer reinen Büro- und Projektpräsentation ausgewählter Firmen werden.

Victoria Alexander, Innenarchitektin B.A.