Natur und Architektur

Natur als Inszenierungsvorbild in der Architektur 

Organische Formen, nachhaltige Materialien, natürliche Architekturlandschaften: viele neue Gebäude und aktuelle Entwürfe orientieren sich in irgendeiner Form am Vorbild Natur. Bei einigen Gebäuden sind Pflanzen selbst Gestaltungselemente. Andere Entwürfe orientieren sich bei der Formensprache an der Natur und an Landschaften.


Auch im Bezug auf die Materialität werden natürliche Stoffe wie Holz, Fels und Gras verwendet. Die Ornamentik trägt ebenso zu diesem Trend bei: abgeleitet von Blättergeflechten, Felsoberflächen, Wald- und Baumanordnungen, blütenblattähnlichen Arrangements bis hin zu Tragwerken - all das inspiriert Architekten und Designer. Die Biegsamkeit eines Blattes oder die Belastbarkeit eines Libellenflügels beweisen die Funktionsfähigkeit der Natur. Frisches Grün unterstreicht die "Natürlichkeit" eines Ortes und die "natürliche" Schönheit.
Zudem schließt man aufgrund des natürlichen Erscheinungsbildes dieser Gebäudeentwürfe auch 
schnell auf die Nachhaltigkeit derselben. Nachhaltigkeit als Trend zeigt sich in der Architektur, aber auch in den Bereichen Ernährung, Kleidung und Energiegewinnung.

 

Hier zeigen wir einen kleinen Ausschnitt neuer und bleibender Trends in der dreidimensionalen Rauminszenierung mit dem Fokus Natur, Natürlichkeit und Landschaften. Dabei unterscheiden wir drei Trends, die alle das Thema Natur einbeziehen: 

 


 

1. Vertical Farming: Das Gebäude als Ort der Nahrungsmittel- und Energieproduktion

 

Ein bekanntes Beispiel für das Einbeziehen von Pflanzen in die Architektur sind die Vertical Farming-Entwürfe zahlreicher Architekturbüros. Bei Vertical Farming handelt es sich um eine Bebauung in Ballungsräumen bei der Landwirtschaft und Nutztierhaltung in mehrstöckige Gebäude integriert werden. In diesen Gebäudekomplexen sollen durch die Verwendung von  Gewächshäusern und Hydrokulturen ganzjährig Früchte, Gemüse und teilweise sogar tierische Produkte produziert werden. Vertical Farming bringt das Thema Landwirtschaft also mitten in die urbane Welt. Ziel dieser Entwürfe ist oft die Sicherstellung der Nahrungsmittel- und Energieproduktion in Zeiten von Raumnot. Denn wenn konventionelle, landwirtschaftliche Flächen immer knapper werden, muss man nach alternativen Anbauflächen suchen - und zwar in der Höhe. Auch die Auswirkungen der exzessiven Bodennutzung scheinen durch Vertical Farming gemindert werden zu können. 

"Dickson Despommier, Professor für Umweltgesundheit und Mikrobiologie an der Columbia University in New York City, entwickelte zusammen mit seinen Studenten 1999 die ersten Gedanken zur vertikalen Landwirtschaft. Die ursprüngliche Idee sollte 50000 Bewohner Manhattans mit 13 Acres (umgerechnet 5,26 Hektar) Nutzpflanzen auf Dachgärten versorgen. Seine Studentengruppe kalkulierte, dass mit dieser zur Verfügung stehenden Fläche nur etwa 2 % der 50000 Bewohner hätten ernährt werden können. Unzufrieden mit diesen Ergebnissen schlug Despommier vor, die Kulturen in einer vertikalen Anordnung anzubauen, um Platz zu sparen. Von diesem Stadium aus gewann das Projekt an eigener Triebkraft und geriet ins öffentliche Interesse. Im Jahr 2001 waren die ersten Planskizzen dieses Vorhabens bereits ausgereift und heute arbeiten weltweit Wissenschaftler interdisziplinär an einer Weiterentwicklung dieses Projektes."1 

Die Architekten Aprilli aus Los Angeles beschäftigen sich beispielsweise intensiv mit Wolkenkratzern, die Kleingärten und Ackerflächen in Gebäude integrieren und so ebenfalls die Bereiche Natur und Kultur wieder näher zusammen bringen. Ihre Urban Skyfarm, eine Vision für die südkoreanische Stadt Seoul, ist eine Vertical Farm, die Ackerflächen auf jeder neuen Etage des Gebäudes beherbergt. Das Gebäude greift auch optisch die Form eines Baumes auf und orientiert sich somit in Form und Funktion an der Natur.

Auf Plattformen sollen Nahrungsmittel für die Bewohner der vertikalen Farmen angebaut werden. Bei der Urban Skyfarm von Aprilli, die wie ein gigantischer Baum aussieht, dienen die Äste mit ihren Blättern als Ackerflächen zum Anbau von Nahrungsmitteln. Auf der höchsten Plattform des Gebäudes sollen Solaranlagen nachhaltige Energie produzieren. 

 

 

 

Bilder: www.evolo.us

Ein weiteres Beispiel für diese Architektur ist der für Chicago geplante Circular Symbiosis Tower der Südkoreaner Lee Dongjin, Lee Jeongwoo und Park Junkyu. 

Dieser Entwurf zeigt ebenfalls eine Vertical Farm, die jedoch noch einen Schritt weiter geht: Sie beinhaltet neben Ackerflächen, sogar Weideflächen für Vieh wie Kühe und Hühner und schlägt somit vor, die Viehhaltung wieder ins Zentrum des urbanen Raums zu bringen. Das Konzept bei dem sich ein Turm horizontal wie eine Spirale in den Himmel windet, wurde für den 2011 eVolo Skyscraper Competition entworfen. Auf diese Weise entsteht auf jedem neuen Level des Wolkenkratzers auch eine neue großzügige Fläche für den landwirtschaftlichen Anbau inmitten der Stadt. 

Ziel derartiger Entwürfe ist es, die Natur, die für so lange aus den Städten verschwand, wieder zu integrieren. Sie sollen den Städten die Natur zurückgeben, die durch die Expansion des urbanen Lebens verdrängt wurde. Grüne Oasen inmitten der Stadt entstehen, platzsparende übereinander gestapelte Anbauflächen, versorgen die Einwohner mit Nahrung. Noch dazu berücksichtigen viele dieser Entwürfe das Thema nachhaltige Energiegewinnung durch Sonnenenergie.  

 

Das kanadische Architekturbüro ZAA architects zeigt auf ihrer Website einen Entwurf einer Vertical Farm für Seoul in Südkorea. 

Der Entwurf untersucht die Möglichkeiten für städtische  Landwirtschaftsgemeinschaften in der Vertikalen und maximiert die positiven Auswirkungen von Vertical Farming. Das Projekt bezieht auch das Thema Raum- und Bevölkerungsdichte in der Stadt Seoul mit ein und befasst sich mit den sozialen, ökologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Fragen des wachsenden städtischen Bevölkerungswachstums.

Dieses Projekt bezieht sowohl Viehwirtschaft als auch den Anbau von Nutzpflanzen mit ein. Auch die Themen Energie- und Wassergewinnung integriert der Entwurf. 

 

 

Bild: ZAA architects

2. Gebäude, die sich an organischen Formen oder Landschaften orientieren 

 

Chinesische Landschaften als Inspiration

Ein weiteres Beispiel für die Integration von Architektur in die Natur ist das Huangshan Mountain Village von MAD Architects, das in der Provinz Anhui in Zentralchina entstehen soll:

Hier scheint es als würde der Wohnraum sogar Teil der Umwelt werden und sich an den sanften Hügeln der Landschaft orientieren. Die Architektur fügt sich in die Natur bzw. in die Topographie mit ein und erzeugt dadurch Harmonie zwischen dem Natürlichen und dem Gebauten. Die runden, weichen Formen - die fast wie ein Höhenprofil wirken -  integrieren sich in die Umgebung. Die Terrassen sind grün bepflanzt und erinnern an eine natürliche Reisterrassenanlage an einem Berghang in Asien. 

Bilder: MAD Architects

Bilder: Link Arc


Der chinesische Pavillon auf der Expo in Mailand 

Auf 4600 Quadratmetern stellte China seine Agrarkultur angefangen bei traditionellen bis hin zu zukünftigen Innovationen vor. Das Thema des Pavillons lautete „Land der Hoffnung“.
Über ein Weizenfeld gelangte man ins Innere des Pavillons, dessen Holzkonstruktion sich auf der einen Seite auf die Silouette traditioneller chinesischer Landschaften bezieht und auf der anderen Seite die Silouette einer Stadt verkörpert (vergleiche Abbildung). Im Gebäude erwartete den Besucher eine gigantische Multimediainstallation, die von Chinas landwirtschaftlicher Vergangenheit erzählte und den Eindruck vermittelte als würde der Wind sanft über die Felder streichen. Der Weg durch das Gebäude folgt dann einer imaginären Reise, auf der der Besucher mehr über die vierzig Provinzen Chinas erfährt.    

 

 

Luis Longhi, Christian Bottger und Carla Tamariz: Vertical City, Lima
Luis Longhi, Christian Bottger und Carla Tamariz: Vertical City, Lima

 

 

 

Orientierung am Aufbau von Pflanzen

Die Architekten Luis Longhi, Christian Bottger und Carla Tamariz beschäftigten sich 2011 im Rahmen des eVolo Skyscraper-Wettbewerbs mit dem Thema Vertical City am Beispiel der südamerikanischen Stadt Lima: Ihr Ziel war es dabei, zukunftsweisende Ideen zu entwickeln, durch welche die südamerikanische Metropole Lima in der Zukunft vor möglichen Energie- und Versorgungsproblemen bewahrt werden kann.

Bei der Form ihrer Vertical City, ließen sie sich optisch von organischen Pflanzenelementen wie Wurzeln, Ästen, Blättern, dem Spross und Stielen inspirieren: Ihre Wolkenkratzer würden also im wahrsten Sinne des Wortes in die Höhe "wachsen", denn die Gebäudeformen erinnern bei näherer Betrachtung am Boden an Wurzeln und Verästelungen, die ins Meer reichen und sich dann über Äste, Stiele und Versorgungskanäle nach oben in Richtung Sonne strecken. Die grauen Wolkenkratzer werden dabei immer wieder von grünen, bepflanzten Terrassen unterbrochen, die fast wie die kleinen Blätter an einem Ast wirken. 

"The site is the actual city of Lima with its urban fabric extended from the Pacific Ocean to the Andes where water treatment plants will be located to transform salt water into potable water. “Transitional places” (selected parts of the existing urban fabric to remain as part of the city), “agricultural areas” and “water reservoirs” are the main components of the 75 proposed skyscrapers."2

(Zitat und Bilder: www.evolo.us)


 

3. Gebäude, die durch Pflanzen dekoriert werden 


Jewel Changi Airport - ein Gewächshaus der Superlative

Der israelische Architekt Mosche Safdie hingegen füllt seine künstliche Glaskuppel, die zukünftige "Jewel" des Changi Airport in Singapur, mit der Natürlichkeit der exotischen Pflanzenwelt. Wie ein riesiges Gewächshaus wirkt es, in dem neben Pflanzen und einem Wasserfall auch Teiche und kleine Wanderwege angelegt sind. Der wie ein Garten gestalteter Aufenthaltsbereich soll die Passagiere zum Verweilen einladen. Natürlich darf aber an solch einen Platz auch der Konsum nicht zu kurz kommen. Daher befinden sich in den Untergeschossen Einkaufsmeilen mit zahlreichen Geschäften. Hier sollen sich ab 2018 die Passagiere des Flughafens ihre Zeit in einer gigantischen, paradisischen Pflanzenblase vertreiben. Auch dieses Beispiel macht deutlich, dass die Natur und Pflanzen wieder mehr in urbane Lebensräume integriert werden, damit sich Menschen an diesen Orten wohl fühlen. 

 

 

 

Regenwald in Dubai

Ein Hotel-Wolkenkratzer mit Regenwald und Skypool mitten in der Wüste? In Dubai wird das sehr bald Realitiät sein. Denn das Rosemount Hotel and Residences das von ZAS Architects entworfen und entwickelt wurde, soll 2018 eröffnet werden und wird somit das erste Curio by Hilton in den Vereinigten Arabischen Emiraten sein.

Das Großprojekt mit zwei jeweils 53 Stockwerken hohen Wolkenkratzern wird 450 Zimmer und 280 Serviced Apartments beherbergen. 
Besonderes Highlight wird dabei ein auf ca. 7.000 Quadratmeter großer künstlich angelegter Indoor-Regenwald mit eigenem Strand, Pool und Café werden. 

 

Bilder: ZAS Architects

Rosemount Hotel and Residences
Rosemount Hotel and Residences

 

 

 

Die Natur in der Architektur wiederentdecken

Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die Natur heutzutage in verschiedenster Form die Designer und Architekten inspiriert. Nach einer langen Phase in der die Natur immer mehr in den Hintergrund gerückt wurde, wendet man sich ihr wieder zu. Diese Hinwendung zur Natur kann auch als Gegenbewegung zur Urbanisierung und Verstädterung gesehen werden. Die Natur wird wieder mehr in die urbanen Räume integriert, denn man hat erkannt, dass der Mensch die Natur braucht. Eine neue Symbiose zwischen Kultur bzw. Mensch und Natur wird auch in der Architektur angestrebt. 

 

 

 Text: Christian Flörs/Martina List

 

 

Natur als Vorbild: Gebaute Landschafts- und Naturzitate

Architekturen bestückt mit Äckern und Weideland, organischen Formen und natürlichen Materialien: all diese aktuellen Trends in der Architektur zeigen deutlich, dass heutzutage das Thema Natur im Design und Bau einbezogen wird. 

Hier stellen wir die bedeutendsten Trends anhand von Beispielen vor: 

1. Vertical Farming: Das Gebäude als Ort der Nahrungsmittel- und Energieproduktion

2. Gebäude, die sich an organischen Formen oder Landschaften orientieren

3. Gebäude, die durch Pflanzen dekoriert werden