Klang, Raum, Gestaltung

Akustische Szenografie und Markeninszenierung

Jan Paul Herzer M.A. – Geschäftsführer hands on sound GmbH – Berlin

Unser Lebensraum wird zu großen Teilen bewusst und gezielt gestaltet. Wir werden mit Werbebotschaften und Symbolen konfrontiert und unterbewusst von strategisch geschickt formulierten Regel- und Leitsystemen beeinflusst. Offensichtlich wird das für den Menschen besonders bei visuell gestalteten Dingen, bezüglich des Hörbaren erschließt sich dies aber oft erst beim bewussten und konzentrierten Hinhören. Dabei entfaltet gerade das Auditive eine immense und unterschwellige Kraft - was sich besonders in den letzten zwei Jahrzehnten auch die Markenkommunikation zu Nutze gemacht hat. Das entwickelt eine besondere Brisanz, sobald man sich das Sprichwort ins Gedächtnis ruft, nach dem man die Augen schließen kann, die Ohren aber nicht. 

Was die Telekom mit ihrer bekannten Fünf-Ton-Folge vorgemacht hat, wurde von vielen Unternehmen aufgegriffen – vom Fernsehsender bis zum Computer-Hersteller schmücken sich Marken mit kurzen Sound Logos. Dabei ist die Bandbreite recht groß – von musikalischen Figuren bis hin zu eher abstrakten und geräuschartigen Klang-Signaturen – auch wenn die Differenzierbarkeit ob der großen Anzahl strukturell durchaus ähnlicher Kompositionen oft etwas leidet. 

Die Gestaltung der spezifischen Klangidentitäten von Marken geht aber heute schon weit über Sound Logos oder ausschließlich für Marken produzierte Brand-Songs (ein bekanntes Beispiel ist die Komposition „Bacardi Feeling“) hinaus. Motoren klingen „tief“ oder „kräftig“ und somit manchmal lauter, als sie sein müssten. Der Zuckergehalt von Keksen wird unter anderem wegen seiner Einflussnahme auf den „Knack“ ausgewählt – und der SMS-Bestätigungston unseres Gegenübers in der S-Bahn verrät uns, welche Marke er bei Telekommunikationsgeräten vorzieht. 

Es liegt nahe, diese nicht mehr ganz neue Entwicklung eben auch auf die Gestaltung inszenierter Räume zu übertragen. Nicht nur Werbespots oder virtuelle Bedienfelder bieten die Möglichkeit, mit „gut gemachtem“ Klang einem schlüssigen Gesamtbild zuzuarbeiten, sondern auch ganze Räume und Konstellationen aus Objekten, Funktionen und Dramaturgien sind dafür prädestiniert. Der jüngst verliehene Audio Branding Award (http://audio-branding-academy.org/aba/congress/award-2013/winners-2013/) zeigte mit Auszeichnungen im Bereich der Rauminszenierung deutlich, dass Sound Design im Raum auch im Bereich der Markenkommunikation eine große Rolle spielt – was durchaus auch für Szenografen und Ausstellungsmacher eine Chance darstellen kann.

 

 

Tonbeispiel 1: Ausschnitt  Brillux Showroom Münster 

Multimediale Bespielung eines Polyeders im neuen Brillux Showroom in Münster. Basierend auf generativen Visuals wurde eine 7-kanalige Komposition eingespielt, die unterschiedliche Themen akustisch greifbar machte. Die Klanginhalte reichen von konkreten Geräuschen der Unternehmenskultur bis hin zu musikalischen Kompositionen und abstrakten Klängen, die sich um das visuelle Herzstück der Ausstellung herum bewegen. 

Konzept und Umsetzung: dan pearlman. Sound Design und akustische Szenografie: hands on sound.

 

Die Inszenierung einer Marke im Raum ist ein griffiges Beispiel für die Möglichkeiten akustischer Szenografie und kann als Erklärungsmittel dienen, um Kunden, Gestaltern und Planern die Notwendigkeit und die Vorteile einer behutsam geplanten akustischen Identität nahezubringen: Wird schon im Vorfeld darüber nachgedacht, wie ein Raum nicht nur visuell, sondern auch akustisch gestaltet werden kann, erleichtert das den gesamten Entwicklungsprozess. Das gilt gleichermaßen für die räumliche Inszenierung einer Automarke, wie auch für den Ausstellungsrundgang zu einem abstrakten Thema in einem Museum.

Klang kann und sollte eben nicht nur als eine weitere, zusätzlich aufgetragene Ebene, sondern als integraler Bestandteil des Gesamteindrucks betrachtet werden. Ein Raum klingt nun mal ganz einfach – unabhängig davon, ob sich ein Architekt oder Ausstellungsgestalter Gedanken darüber gemacht hat, oder nicht. Die Raumakustik, einzelne Exponate und Medieneinspielungen, Materialien und Oberflächen oder sogar der lokale Dialekt von Angestellten prägen die auditive Identität eines Raumes. Dementsprechend kann es Sinn machen, auch Gewerke mit in den Gestaltungsprozess einzubeziehen, die auf den ersten Blick nichts mit Klang zu tun haben. In diesem Sinne lohnt es sich, im Hinterkopf zu behalten, dass eben nicht nur ein Lautsprecher klingen kann, sondern ebenso die Oberfläche eines Bodenbelages oder der Schaltvorgang eines kinetischen Exponats.

 

 

 

 

Tonbeispiel 2: Ausschnitt Kleist-Museum Frankfurt (Oder) 

Klanginstallationen in zwei Räumen des Neubaus des Kleist-Museums Frankfurt (Oder). Mit unterschiedlichen Schwerpunkten wurden Klänge rund um Kleists Werk eingespielt. Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Schallwandler und teilweise experimentellem Klangmaterial wurde dem visuellen Erscheinungsbild eine intensive akustische Ebene hinzugefügt, maskierend gegen Störgeräusche gearbeitet und zusätzlich klingende Akzente im Raum gesetzt. 

Konzept und Umsetzung: Panatom und szenografie valentine koppenhöfer. Sound Design und akustische Szenografie: hands on sound.

 

Eine solche Herangehensweise entspricht der eher zurückhaltenden und regulierenden Gestaltung des akustischen Gesamtbilds – gerade inszenierte Markenräume bieten aber ebenso die Möglichkeit, Klang als durchaus progressives und nicht nur atmosphärisches Gestaltungsmittel zu nutzen. Da sich der Besucher auf mediale Inszenierung einlässt, ist er im Idealfall sehr empfänglich für akustische Reize, so wie er es auch von der Rezeption von Filmmusik oder Musikdarbietungen im Rahmen eines Konzertes gewöhnt ist. Die Akzentuierung, die Überzeichnung oder sogar das Kontrastrieren von visuellen Inhalten durch Klang und Musik kann im Sinne einer multimodalen Gestaltung große Chancen bieten. Wie eingangs beleuchtet bietet gerade der akustische Kanal ob seiner unterschwelligen Wirksamkeit große Möglichkeiten, das Erleben zu intensivieren und sollte auch als ein solches Gestaltungsmittel Einzug in die „Werzeugkisten“ von Szenografen und Ausstellungsmachern halten. 


 

 

was machen hands on sound? from hands on sound on Vimeo.

Mehr Infos unter www.hands-on-sound.com und in der Plot#10 mit dem Titel Die Macht des Klangs (S. 88/89)

 

 

Jan Paul Herzer ist einer der Gründer und Geschäftsführer der hands on sound GmbH. Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Sound Design für Anwendungen im Raum, reaktive Klangprogrammierung und interaktive Musik. Dieses Jahr erschien sein Beitrag „Acoustic Scenography and Interactive Audio – Sound Design for Built Environments“ in „The Oxford Handbook of Interactive Audio“.