Gebaute Unternehmensphilosophie – wie Google und Co. sich selbst inszenieren

Nachdem bereits die Technologie- und Internetriesen Apple, Amazon und Facebook vorgelegt hatten, veröffentlichte Ende Februar 2015 ebenfalls Google seine Pläne für ein neues, zukunftsweisendes Headquarter. Erste Pläne - inklusive Renderings und einem Video, das das Unternehmen auf einem eigenen Blog teilte,  wurden von Google noch vor der Erteilung der Baugenehmigung publiziert. Das Video zeigt eine Reihe von gigantischen Glaskuppeln, die Arbeits- und Lebensraum verbinden. 

Doch warum und vor allem wie wollen sich all diese Unternehmen neu erfinden und präsentieren? Wie sehen sich die Unternehmen selbst und wie wird diese Unternehmensphilosophie in der Architektur jeweils zum Ausdruck gebracht?

 

Das Beispiel Google

Auf der eigenen Website beschreibt Google die eigenen Werte und die Firmenphilosophie  mit folgenden Worten: 

„Wir möchten uns eine offene Kultur erhalten, wie sie typisch für Start-ups ist. Jeder kann sich aktiv einbringen und seine Ideen und Meinungen mit den anderen teilen. In unseren wöchentlichen TGIF-Treffen ("Thank God it’s Friday – Zum Glück ist Freitag"), und natürlich auch per E-Mail oder in unserem Café, können sich die Googler mit unternehmensrelevanten Fragen direkt an Larry Page, Sergey Brin und andere Mitglieder des Management-Teams wenden. Unsere Büros und Cafés sind so eingerichtet, dass die Interaktion zwischen Googlern innerhalb der Teams sowie teamübergreifend gefördert wird – ob bei der Arbeit oder bei einer Runde Kicker.“1 

Google sieht sich selbst also als ein sehr offenes Unternehmen, ohne starre Hierarchien bei dem jeder einzelne Mitarbeiter ohne weiteres mit dem Management sprechen kann. Des Weiteren fällt der Begriff „Start-up“, obwohl Google über dieses Stadium ganz offensichtlich hinaus ist. Das Unternehmen versteht sich somit immer noch als jung und dynamisch, als offen und äußerst innovativ. Und jetzt plant dieses Unternehmen eine neue Firmenzentrale in Kalifornien. So erscheint es nur logisch, dass auch das neue Firmengebäude genau diese Werte repräsentieren soll. Unter gigantischen Glaskuppeln von denen Google selber sagt, dass diese das Gefühl vermitteln sollen, dass man sich in der freien Natur befinde und die Grenzen zwischen Natur uns Büro verschwinden, sollen die Mitarbeiter zukünftig an neuen kreativen Ideen arbeiten. Des Weiteren sollen die Arbeitsplätze im Inneren flexibel angeordnet werden können, so dass ein neues Teams schnell zusammengelegt werden kann. Dies soll laut Google so schnell und einfach wie das Verrücken von Möbeln von statten gehen. Ein weiterer Aspekt, der auf die Offenheit des Unternehmens abzielt, ist die Tatsache, dass der gesamte Campus Parkanlagen, Fahrradwege, Wohnungen auf dem Firmengelände, Cafés und interne Sportstätten vorsieht. Der Raum ist hier also nicht lediglich als Arbeitsplatz für die tausenden von Mitarbeiter angelegt, sondern die Freizeitgestaltung kann ebenfalls auf dem Campus stattfinden. Das Unternehmen öffnet sich ebenfalls für die Familien und Angehörigen der eigenen Mitarbeiter, denn diese sind auf dem Firmengelände laut Google ebenfalls willkommen. Das Gebäude und die dazugehörende Umgebung sind also sowohl architektonisch offen durch das Glas, flexibel durch die veränderbaren Arbeitsplätze und integrativ durch die Einbeziehung der Natur und die Freizeitgestaltung der Mitarbeiter geplant. Google sieht sich als offenes Unternehmen und will dies nun auch in der Architektur des eigenen Headquarters kommunizieren. Architektur veranschaulicht hier also ganz deutlich wofür ein Unternehmen stehen will. 

 

Apple

Apple ist bereits einen Schritt weiter, denn der neue Apple Campus 2 befindet sich bereits im Bau und wird bald 14.000 Mitarbeitern Platz bieten. Entworfen wurde der futuristische, ringförmige Komplex vom britischen Stararchitekten Norman Foster. Das „kleine Raumschiff“, wie es Steve Jobs einst selbst nannte und noch vor seinem Tod vorstellte, wird 24 Meter hoch (4 Stöcke) und fast vollständig verglast sein. Über den aktuellen Stand des Baugeschehens berichten in regelmäßigen Abständen Videos auf Youtube, die mit Dronen die Baustelle des riesigen Arsenals von Oben zeigen. Im Inneren sorgt laut Apple eine offene Bauweise dafür, dass die Apple-Mitarbeiter möglichst kommunikativ arbeiten können. Herzstück des neuen Apple Headquarters wird ein riesiger Park in der Mitte des kreisrunden Gebäudes sein, der rund 80 Prozent der Fläche des Grundstücks einnehmen wird. Der runde Bau und die vielen Grünflächen im und um das Gebäude, sollen eine mit der Natur eins gewordene kalifornische Landschaft kreieren. 

Des Weiteren legt der Konzern besonderen Wert auf das Thema Natur und Ökologie: Apple präsentiert sich auf der eigenen Website und in Videos als äußerst umweltbewusstes Unternehmen, das auf erneuerbare Energien setzt und en Planeten besser zurücklassen will, als es ihn vorgefunden hat. Das fängt bei der auf papierbasierten Verpackung der iPods und iPhones an und geht weiter bei dem Bau von Solaranlagen und Waldaufforstungsprogrammen. Daher liegt es auch nahe, dass Apple diese Philosophie und dieses Selbstbild auch auf die Architektur des neuen Firmen-Headquarters projeziert. Beispielsweise wird der neue Firmensitz laut Apple das energieeffizienteste Gebäude seiner Art sein, denn der Campus wird zu 100% mit Ökostrom betrieben. Zwischen den Innenräumen und der Außenfassade des Gebäudes kann Luft ungehindert zirkulieren. Das sorgt laut Apple 75% des Jahres für eine ganz natürliche Belüftung. Und Sonnenlicht wird zur Stromerzeugung in den firmeneigenen Solaranlagen genutzt werden. Autos werden auf dem Campus nicht zu sehen sein, da diese nur unterirdisch verkehren – statt dessen wird es auf dem Campus Fahrräder, Biogasbusse und öffentliche Verkehrsmittel geben mit denen die Mitarbeiter sich von A nach B bewegen können. Und für Autofahrer werden über 300 Ladestationen für Elektroautos zur Verfügung stehen. Das Thema Umwelt und Umweltschutz spielen also für Apple eine herausragende Rolle. Statt die Umwelt nur zu schonen, will Apple eine Partnerschaft mit der Natur eingehen – das neue Gebäude umarmt und umringt somit die Natur – den Park.

 

 

 

Amazon 

Auch der Onlinehändler Amazon plant in Seattle eine neue Zentrale. Der Entwurf beinhaltet zwei 37-stöckige Bürotürme und daneben drei große Glaskuppeln in denen Gebirgspflanzen, Cafés und Geschäfte Platz finden sollen. Auch dieser Entwurf spiegelt das Selbstverständnis des Konzerns wider: Auch Amazon sieht sich als umweltfreundliches, innovatives Unternehmen und hat sich zum Ziel gesetzt das kundenfreundlichste Unternehmen zu werden. Laut der eigenen Website setzt Amazon u.a. auf frustfreie, recyclingfähige Verpackung. Und wie spiegelt sich diese Unternehmensphilosophie in der Architektur wider? Vor allem in den drei geplanten Glaskuppeln des neuen Headquarters in Seattle. Mitarbeiter sollen hier nicht nur arbeiten, sondern auch soziale Kontakte pflegen.

 

Facebook

Ein Konzern darf aber natürlich nicht fehlen: Facebook. Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg wollte vom Architekten Frank Gehry einen neunen Bürokomplex für rund 3.400 Mitarbeiter samt bepflanzen Dach im kalifornischen  Menlo Park. Ende März 2015 war es soweit: die Mitarbeiter von Facebook bezogen ihre neuen Büros. 

Das Gebäude besteht grundsätzlich aus einem einzigen großen Raum – kleinere Besprechungsräume sind aber natürlich ebenfalls vorhanden. Dahinter steckt die Idee die eigenen Mitarbeiter– ebenso wie Menschen überall auf der Welt – zusammenzubringen, daher gibt es auch keine Einzelbüros. „To do this, we designed the largest open floor plan in the world — a single room that fits thousands of people”, erklärt Zuckerberg in einem Post auf seinem Facebook-Profil. Auch bei diesem neuen Firmengebäude wird das Stichwort Offenheit gelebt – aber nicht durch Glasflächen wie bei den anderen Entwürfen, sondern durch eine offene Arbeitsplatzumgebung.

Auf dem Dach sind Grünflächen und Sitzgelegenheiten – ganz so wie in einem Park. Darunter befinden sich die Büros. Dadurch umrahmt die Natur den Bürokomplex und das Gebäude fügt sich ganz natürlich in die umgebende Natur mit ein. 

 

Wenn man die jüngsten Entwürfe der Technologiekonzerne betrachtet wird eines klar: Die heutigen Symbole der Macht sind keine Wolkenkratzer mehr. Viel mehr fällt eine Gemeinsamkeit auf – alle Gebäude sind flach und versuchen die Natur miteinzubeziehen. Hochtechnologie und Natur werden bewusst vermischt – die Übergänge sollen fließend sein und Durchlässigkeit wird durch die Verwendung von Glas erreicht. 

Projekte haben ebenfalls gemein, dass durch den Verzicht auf Hochhäuser auch Hierarchien aufgebrochen werden. Es gibt kein oben und unten mehr – jeder ist auf der gleichen Ebene im Kreis oder in der Kugel. Und letztendlich kommunizieren alle vier Unternehmen auch durch die gewählte Architektur wofür sie stehen. Waren früher Arbeitsplätze und Bürogebäude zweckmäßig und funktional, wählen Unternehmen heute ganz bewusste Formen und Materialien um das Selbstverständnis und ein Image auch nach außen zu tragen. 

 

1www.google.com/about/company/facts/culture/


Text: Martina List/Christian Flörs