Eatable Architecture and Design

Perfekt inszenierte Food Fotos sind der Trend im Netz. Essen wird unter dem Hashtag Foodporn immer mehr zum medialen Erlebnis. Es geht dabei nicht nur um den Geschmack, sondern insbesondere auch um die Kunst des Arrangierens. Denn der Mensch ist ein visuelles Wesen. Neben Gerüchen und Geschmack, die über Gefallen oder Ablehnung entscheiden, isst das Auge mit. Einzelne Zutaten werden zum Beispiel in Reihen und Gerichte symmetrisch angeordnet. 

 

Wenn es um das Thema Raum bzw. Landschaften auf dem Teller geht, kommt man an dem weltbekannten Restaurant noma nicht vorbei. Erkennbar ist aber auch der Trend dazu, dass immer mehr Architekten und Designer sich in den Bereich der Küche und Patisserie vorwagen.

Hier stellen wir aktuelle Trends im Bereich Food Styling und Food Architektur vor.

  1. Dabei wird einerseits der Einfluss der Architektur und des Raums auf das Food Styling
  2. und andererseits der Einfluss von Speisen auf Kunst und Inszenierung beleuchtet. 

 

 

 

 


Eatable landscape

 

 

Wie beeinflusst ein Land und dessen Landschaft einen Küchenchef? Wer sich diese Frage stellt, bekommt im Restaurant noma in Kopenhagen eine Antwort darauf. 

Das dänische Restaurant noma wurde von 2007 bis 2014 mehrfach in Folge vom britischen Fachmagazin Restaurant Magazine zum besten Restaurant der Welt gewählt. Sein Name setzt sich aus den dänischen Wörtern „nordisk“ (nordisch) und „mad“ (Essen) zusammen.

Inspirieren lassen sich die Macher des Restaurants rund um den Mitbesitzer und Küchenchef René Redzepi besonders von nordischen und skandinavischen Landschaften und der Rauheit der skandinavischen Länder. Auch das herrschende Klima und die Jahreszeit beeinflussen die Gerichte, die im noma serviert werden. So werden zum Beispiel nur regionale Zutaten verwendet, die zur jeweiligen Jahreszeit verfügbar sind. 

Auf diese Weise entstehen Gerichte, die auf den ersten Blick wie Landschaften wirke und die man so ähnlich auch bei einem Spaziergang durch die skandinavischen Wäldern oder entlang der rauen Küsten antreffen könnte. So findet der Gast im noma neben Moosen und Flechten auch Steine auf seinem Teller. 

Der Besucher isst im wahrsten Sinne des Wortes den Norden. 


nuna popsicle
Foto: Nuna World GmbH

Influence of art and architecture

Dass natürliche Landschaften und Länder die Küchenchefs dieser Welt beeinflussen zeigte das Beispiel noma. Aber auch der vom Menschen gebaute Raum - also Architektur und Baukunst - beeinflussen unsere Küche. Dies wird beispielsweise deutlich wenn, man sich nuna anschaut. Der Künstler und Architekt Manu Kumar entwickelte zusammen mit Neubau Berlin ein völlig neuartiges Eis am Stiel. Auch die geometrisch geplanten Speisen von Dinara Kasko lassen erahnen, dass sie ihre Wurzeln in der Architektur hat.

 

 

Foto: Dinara Kasko

Dinara Kasko

Ist es ein Gebäude? Oder doch eine Praline? Beim ersten Betrachten von Dinara Kaskos "Kuchen" stellen sich sicher viele diese Frage. Denn sie schafft süße Kunstwerke für die die Bezeichnung "Kuchen" viel zu schlicht erscheint.  So ist der Kuchen "Chocolate block” ein massiver quadratischer Körper, die Oberfläche erscheint matt und rau. Versehen ist der Block mit rot glänzenden Linien. 

Die studierte Architektin verbindet in ihren süßen Werken zwei ihrer Leidenschaften: Backen und Architektur."I’m trying to connect architecture, design, and patisserie. A beautiful cake as well as a beautiful building, needs preliminary design", erklärt die Ukrainerin.
Dementsprechend designt Dinara Kasko ihre Kuchen wie kleine Gebäude und entwickelt so im ersten Schritt auch ihre Kuchen in einem 3D-Computergrafikprogramm für Architekten um den geplanten Kuchen zu visualisieren. Danach wird die Form mit Hilfe eines 3D-Druckers aus Silikon erstellt. 


Neon Jelly Chamber, Bompas & Parr
Neon Jelly Chamber, Foto: Bompas & Parr

 

 

Bampas & Parr

Das Londoner Duo Bampas & Parr designt seit 2007 multisensorische Erlebnisse. Dabei stehen Sam Bompas und Harry Parr wie kaum eine andere Agentur für "Je schriller, desto besser". Die beiden lernten sich bereits zu Schulzeiten in Eton kennen. Nach der Schule ging Parr an die Universität um Architektur zu studieren und Bompas arbeitete in der PR-Abteilung eines Bauunternehmens, bevor sie 2007 gemeinsam mit ausgefallenen Jelly- beziehungsweise Wackelpudding-Buffets durchstarteten. Die beiden Konzeptemacher kreieren seitdem für Unternehmen, öffentliche Institutionen und auch private Auftraggeber Erlebnisse, die bisweilen verrückt oder skuril wirken. Im Zentrum steht dabei meist das Thema Essen.

Dass die Architektur auch für ihre Wackelpudding-Kreationen von Bompas & Parr zentrale Inspiration war, beweist die Tatsache, dass diese wie Kathedralen und Gebäude Londons geformt sind. Bompas & Parr arbeiten dabei ebenfalls mit Sililkonformen, in die sie die Wackelpuddingmasse einfüllen, um essbare Dekorationen zu schaffen. Das Ergebnis sind Jelly-Gebäude, die an Pyramiden, den Gherkin oder St. Paul's Cathedral erinnern.  

Ein Beispiel dafür ist das Projekt Neon Jelly Chamber, das in London 2011 realisiert wurde. Es verweist ebenfalls auf Marie-Antoine Carême, denn auch die Jelly-Figuren von Bompas & Pass haben meist ein Gebäude und somit Architektur zum Vorbild. 


Influence of food on art and presentation

 

 

Dass sich Küchenchefs Landschaften und Architekturen als Vorbild nehmen, verdeutlichen die vorangegangenen Beispiele. Aber auch in die andere Richtung besteht der Einfluss. Denn Künstler und Designer, die nicht mit Sahne und Teig arbeiten, lassen sich vom Thema Essen beeinflussen. 

 

 

Anke Eilergerhard

Die Berliner Künstlerin Anke Eilergerhard macht Skulpturen, die auf den ersten Blick aussehen wie Gebäck mit sehr viel Sahne. Eilergerhards Hauptmaterial für ihre Skulpturen ist in Wahrheit aber keine süße Versuchung, sondern Silikon.  Das in Schichten wie dicke Buttercreme und Sahne gespritzte Material glänzt appetitlich. 

„Alice im Wunderland“ ist der erster Gedanke, der beim Anblick ihrer Skulpturen in den Kopf schießt. Beim Anblick von Anke Eilergerhards märchenhaften Gebilden aus Tassen, Tellern, Kannen und einer Menge Silikon-Sahne. Unweigerlich denkt der Betrachter an Zuckerbäcker-Kunst. 

Ihre Werke, die in zahlreichen Museen und auf internationalen Kunstmessen präsentiert werden, springen sofort ins Auge. Daher erscheint es auch nicht verwunderlich, dass die das italienische Modeunternehmen Fendi auf Anke Eilergerhards Skulpturen aufmerksam wurde und ihre Skulpturen wählte um die eigenen Produkte angefangenen bei Handtaschen über Pelz- und Lederwaren perfekt zu inszenieren. Die überdimensionalen Sahne- und Tassenskulpturen der Berliner Künstlerin zierten 2017 die Schaufenstergestaltung von Fendi international. 

 

 


Food as art

Die vorangegangenen Beispiele belegen klar, wie sehr sich die Disziplinen Design und Kochkunst bzw. Patisserie beeinflussen. Noch einen Schritt weiter geht Minsu Kim, der das Thema Essen der Zukunft und das Verzehren der Speise selbst zum Kunstwerk macht.

 

 

Minsu Kim

Minsu Kim schaffte im Rahmen seiner Abschlussarbeit am Royal College of Art in London das Projekt Living Food. Mit diesem Projekt erforscht er neue kulinarische Möglichkeiten, die sich aufgrund der Molekularküche ergeben. In seiner Zukunftsvision verhält sich das Essen wie lebendige Kreaturen, die sich bewegen und zappeln. Ziel der Arbeit ist es zu erforschen, wie sich das Thema Essen zukünftig durch technologische Fortschritte entwickeln könnte. 

"What if food were consumed alive, as a fictional character? What if food was able to play with our cutlery and create hyper-sensations in our mouth? Synthetic biotech has already started to create artificial life in organic forms, breathing life into artificial digestible forms no longer resides as a mere fantasy." 

Living Food by Minsu Kim from Dezeen on Vimeo.

Living Food Concept Movie from Min Su Kim on Vimeo.

 

 

Text: Martina List, Dipl. Kulturwirtin

Neu ist die Verbindung zwischen Architektur und Backkunst allerdings nicht. Schon Marie-Antoine Carême (1784-1833), einer der bedeutensten Köche seiner Zeit beschrieb die Verbindung mit den Worten: "Es gibt fünf schöne Künste. Die Malerei, die Bildhauerei, die Dichtkunst, die Musik und die Architektur, deren Hauptzweig die Zuckerbäckerei ist."  Während seiner Ausbildung zum Konditor und Koch beschäftigt er sich intensiv mit römischer und griechischer Architektur und ließ sich bei den Entwürfen für Tafelaufsätze von Hofbanketten von ihr beeinflussen. 1821 veröffentlichte er als Laie zwei Bücher über Architektur mit Plänen zur Verschönerung von Sankt Petersburg und Paris.


Ausführlich mit Marie-Antoine Carême beschäftigt sich Martin von Byern in seiner Publikation "Carême - Pâtissier architecte".